19.05.2008

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis - Höre Jisrael

5. Mose 6, 4-9

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,

Sch'ma jisrael adonaj elohenu adonaj echad ...

Ihnen kommen diese Worte fremd vor. Es ist die Sprache anderer. Jede Jüdin, jeder Jude versteht die Worte sofort. Woran liegt das? Die Antwort ist einfach. Sie steht im Predigttext: „Sch'ma jisrael. Höre, Israel!“ Israel wird angesprochen. Die Adressaten kennen und verstehen die Worte des Lebens. Sie beten sie mindestens zweimal am Tag. Sie beginnen mit ihnen jeden neuen Tag. Schließen mit ihnen jeden Tag ab. Sprechen diese Worte in der Stunde des Todes. Kommen an ihnen nicht vorbei, weil sie an jeder Türöffnung zu Hause und in der Synagoge angebracht sind.

Es sind Worte an Israel; wie können wir ihnen begegnen? Man kann, ja muss die Worte umformulieren, damit sie uns gelten: „Höre von Israel!“ Wir begegnen den Worten im Lebenszeugnis von Jüdinnen und Juden. Von ihnen zu hören, das ist die einzig mögliche Haltung zu diesen Worten.

Hören, nicht reden. Wir haben nicht zu reden über Juden, dafür haben wir ihnen zu viel angetan mit der Schoah, mit den Greueltaten und Qualen. Mit dem fabrikmäßig durchgeführten Massenmord an 6 Millionen Juden, durch das nationalsozialistische Regime von 1933-1945. Wir können aber auf das hören, was wir von Israel erfahren.

Was können wir erfahren, wenn Israel zu uns spricht? Was können wir erfahren, wenn wir hören? Schon das Kind im Mutterleib kann seine Mutter wahrnehmen. Ihr Herzschlag wird wohl das erste Signal sein, das es hört. Dann, draußen, die Stimme der Mutter, des Vaters, die Geräusche der Umwelt. Der Säugling, beginnt durch Hören zu kommunizieren. Später kommt die Erfahrung von Bewegung, ja von Berührung hinzu – lange, bevor das Kind das Licht der Welt mit seinen Augen erblickt.

Hören, so sagt man, ist vielleicht auch die letztmögliche Sinnerfahrung eines Menschen, wenn er stirbt. Selbst dann, wenn er scheinbar nicht mehr hört, wenn seine Sinne schon geschwunden sind, zeigt er Reaktionen; plötzliches tiefes Ein- und Ausatmen, plötzliche Unruhe, plötzlich weit geöffnete Augen, die vielleicht sogar das Gegenüber fixieren, weil eine Stimme von außen die tiefe Nacht des Sterbeprozesses durchdrungen hat und wahrgenommen wurde.

Hören können ist ein Geschenk. Es ist eine erstaunliche Entwicklung die ein Kind durchmacht. Lange bevor es sprechen kann, hört und versteht es allmählich was gesagt wird. Es lernt zu sprechen und die Fülle der Erfahrungen zu verarbeiten und zu leben.

Das jüdische Kind hört von früh an die markanten Sätze des Schma Jisrael, in dem es ja heißt: „Diese Worte sollst du dir zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden ...“ Eine jüdische Legende macht uns anschaulich, wie Juden darüber denken.

Ein Rabbiner durchquerte ein Dorf, ging in den Wald und dort, am Fuße eines Baumes betete er. Und Gott hörte ihn. Auch sein Sohn durchquerte dieses Dorf. Er wusste nicht mehr, wo der Baum war und betete also an irgendeinem Baum. Und Gott hörte ihn.

Der Enkel des Rabbiners wusste weder, wo der Baum war noch wo der ganze Wald war. Er ging zum Beten in das Dorf. Und Gott hörte ihn. Der Urenkel wusste weder, wo der Baum war noch der Wald noch das Dorf. Aber er kannte noch das alte Gebet. So betete er zuhause. Und Gott hörte ihn. Der Ururenkel schließlich kannte weder den Baum noch den Wald noch das Dorf noch das alte Gebet. Er kannte aber noch die Geschichte und erzählte sie seinen Kindern. Und Gott hörte ihn[1].

Wir können aus dieser Legende lernen, wie wichtig es ist, dass Gott uns hört und unsere Kinder die Geschichten ihrer Väter und Mütter im Glauben an Gott hören. Unsere Kinder hören schon in jungen Jahren Dinge, die sie besser nicht gehört hätten, weil sie damit ihre junge und verletzbare Seele belasten. Darum sollten wir ihnen unbedingt das sagen und für ihren Lebensweg mitgeben, was Halt und Orientierung sein kann: „Es gibt einen Gott, auf dessen Namen du getauft bist. Ein Gott der dich liebt und dessen Wille es ist, dass du auch deinen Nächsten liebst“. Damit das unseren Kindern ins Herz gezeichnet wird, muss es uns ein Anliegen und heilige Pflicht sein, mit unseren Kindern am Morgen und am Abend zu beten. Wie sollen sie denn sonst die Worte von Gott hören und behalten? In meiner letzten Konfirmandengruppe war nur ein einziges Mädchen das sich daran erinnern konnte, dass mit ihm gebetet wurde, wenn es zu Bett gebracht wurde.

Warum erzählen wir unseren Kindern und Enkeln nicht die biblischen Geschichten oder lesen ihnen aus einer Kinderbibel vor? „Diese Worte sollst du dir zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden ...“ So heißt es im jüdischen Schma. Aber wir sind hier in Deutschland so seltsam stumm und erzählen ihnen nicht von unserem Glauben. Religion ist Privatsache. Man schämt sich darüber zu reden – nicht nur im öffentlichen Bereich, leider auch im privaten der Familie.

Unsere Kinder lernen, indem sie hören. Unsere Kinder kommen zum Glauben, indem sie von Gott hören. Und unsere Kinder lesen genau in den Erwachsenen, wie Gott ist. Dort hören sie wie über Gott und Glaube gesprochen wird, wie über Kirche und Gemeinde geschimpft und gelästert wird – sie lesen auch in den Erwachsenen wenn über Gott, Kirche und Gemeinde geschwiegen wird.

Das Gehörte, das immer wieder Gehörte prägt sich tief in uns ein. Über Jahrhunderte hat das Hörenkönnen den christlichen Glauben überliefert. Und das Gehörte meldet sich zu Wort, wenn es gebraucht wird: In Notzeiten, in Freudenstunden, in der Erziehung, beim Trösten. Das Hören ist für den Glauben entscheidend.

Paulus sagt: „Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Gottes“.[2] Der Glaube kommt durch das Hören. Höre Jisrael! Wer Ohren hat zu hören, der höre! Ja, wo ist unsere Gemeinde? Hört sie? Ist sie unter dem Wort, um zu hören? Ich sehe viele leere Kirchenbänke – wie soll der Glaube unserer Gemeinde wachsen, wenn sie nicht zum Hören kommt?

Hören ist Geschenk. Wer nicht, oder nur sehr schwer hören kann, dem wird das verzweifelt deutlich. Wenn Hören ein Geschenk ist, bedarf es eigentlich keiner Aufforderung, die Ohren aufzumachen. Aber wer hört heute schon gerne zu, nimmt das Geschenk des Hörens mit Freuden wahr? Heute hat das Sehen Vorrang. Die Flut von Bildern, die überall unsere Wahrnehmung überschwemmt, lässt sich kaum eindämmen. Sie besetzt das Gehirn, verbraucht die Kapazität der Aufnahmefähigkeit und nimmt dem Hören viele Chancen. Und wo dem Hören noch Raum bleibt, da wird es vielfach zugedröhnt.

Die Juden haben die Aufforderung „Höre!" in ihren Türlaibungen angebracht, als wüssten sie um die Gefährdung des wunderbaren Geschenkes, hören zu können. Und Jesus hat wohl wissend um dieses Problem tiefsinnig den Satz geprägt: Wer Ohren hat, der höre! Bis in die Offenbarung des Johannes hinein klingt dieser überhaupt nicht oberflächliche Satz nach. Die Gefährdung des Hörens und damit des christlichen Glaubens heute liegt auf der Hand. Letztlich kann nur durch das Hören auf Gottes Wort unser Glaube wachsen, reif und stark werden.

Gottes Stimme spricht leise zu uns. Nicht aufdringlich, sondern behutsam. Es braucht Zeit und Ruhe, damit wir seine Stimme hören. So wie jetzt hier, in unserer Kirche. Alles Laute ist draußen geblieben und wir hören. Auch ich höre, wenn ich predige. Ich höre in mich hinein. Vorher hab ich am Schreibtisch gesessen und gehört. Mit viel Zeit. Mit viel Ruhe. Und jetzt hören wir gemeinsam. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Hören, Zuhören ist eine Kunst, die gelernt und geübt werden will. Richtig zuhören, nicht schon wissen, was der andere sagen will, bevor er richtig angefangen zu reden. Ich denke wir haben die Kunst des Zuhörens vielfach verlernt. Wir können sie lernen von Israel.

Höre Israel! So beginnt es bei den Juden: In der Familie sitzt der Vater am Tisch, es ist Sabbat. Und er entzündet eine Kerze. Und dann fängt er an zu erzählen. Er erzählt die Geschichte vom Auszug aus der Knechtschaft in Ägypten, von der Befreiung durch Gott, der auch heute immer noch befreit.

Wer Ohren hat, zu hören, der höre. So könnte es auch in unseren Häusern wieder beginnen. Am Kinderbett abends sitzen Mutter oder Vater, Großmutter oder Großvater, es wird still, und vor dem Abendgebet beginnt das Erzählen. Vielleicht so: Jesus steht am Rand des goldgelben Kornfeldes. Die Ernte ist nah. Hinter ihm glitzert das Wasser des großen Sees. Eine große Menschenmenge hat sich versammelt, ganz in seiner Nähe sind seine Jünger, die immer mit ihm gehen. Alle wollen ihn hören. Noch schweigt er, hat den Kopf in seine Hand gestützt und schaut über das reiche Kornfeld, das im Wind leise schwingt. Vielleicht denkt er: So viele Körner, so viel Brot! Und doch so viel Hunger unter diesen Menschen, Hunger nach Brot, Hunger nach Liebe, Hunger nach einem guten Wort, nach Heilung von einer Krankheit, Hunger nach Gott.

Plötzlich beginnt er: ,Hört zu! Gott schenkt so viel, dass alle satt werden können. Ich sage es euch, und ihr hört es jetzt. Aber mit dem Hören ist das so: Stellt euch einen Sämann vor: im Frühjahr geht er mit großen Schritten über den leeren Ackerboden; er hat ein großes Tuch vor dem Bauch, vollgefüllt mit goldenen Saatkörnen, und mit der rechten Hand streut er nun den Samen aus, damit ein goldenes Kornfeld heranwachse. Und einige Körner fallen auf den Weg und die Vögel kommen und picken alles weg. Andere fallen auf felsigen Boden mit wenig Erde, sie können nicht tief wurzeln. Schnell geht die Saat auf, zu schnell, und als die brennende Sonne aufgeht, verwelken die Pflänzchen und verdorren. Einige Körner fallen in das Dornengestrüpp, das wächst und wächst und erstickt die aufkeimende Saat. Andere Körner fallen auf gutes Land, gehen auf, wachsen und bringen viel Frucht: aus einem Korn werden dreißig, sechzig, ja hundert neue Körner, die sich in ihrer Ähre nun im Wind wiegen. Ihr seht es hier. Ich sage es noch mal zu euch: Wer Ohren hat zu hören, der höre:'

Ein Raunen geht durch die Menge der Menschen, denn viele haben zugehört und verstanden." Und die Mutter streichelt dem einschlafenden Kind über den Kopf ...

Geheimnisvolle Geschichten hat Jesus erzählt, liebe Gemeinde. Und bis heute lüften sie ihr Geheimnis auf ebenso geheimnisvolle Weise: dem Hörenden wird der Glaube geschenkt. Amen.


[1] Axel Kühner, Das große Textarchiv 1355

[2] Römer 10,17