22.09.2011
Drinnen und draußen - Abschiedspredigt
Predigt Markus 3,31-35
Abschiedspredigt
31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.
32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.
33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?
34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Gäste und Freunde,
liebe Verwandte,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
die einen sind drinnen und die anderen sind draußen. So ist das oft, nicht nur in unserer Geschichte. Einige Verse vor unserem Text erzählt die Bibel, dass Jesus mit seinen Jüngern in ein Haus ging, um mit ihnen zu essen. Das Volk aber, begierig ihn zu hören, drängt auch in das Haus. Sie wollen mehr mit ihm erleben, hören was er zu sagen hat. Es war sensationell, geradezu aufregend, was in den letzten Tagen geschehen war, wovon sie Zeugen geworden waren: Die Heilung eines Gelähmten, der Streit mit Schriftgelehrten um die Frage, ob Jesus ein Gotteslästerer ist, weil er sich anmaßt Sünden zu vergeben. „Sünden vergeben kann nur Gott allein“, sagen die Schriftgelehrten. Immer deutlicher wurde die Frage: Wer ist er, dieser Jesus? Maßt er sich etwas Göttliches an oder wer ist er ...? Er, der mit Zöllnern und Sündern isst. Menschen am Sabbat, dem von Gott geheiligten Tag, heilt. In den Augen der geistlichen Autoritäten war das nicht nur skandalös, sondern geradezu gotteslästerlich.
Es hat sich rumgesprochen. Man will es sehen, miterleben, neue Hoffnung haben. Auch aus der Umgebung kommen viele, die Jesus sehen und von ihm geheilt werden wollen. Aus ist es mit stiller Beschaulichkeit. Es geht drunter und drüber. Und Jesus heilt, die von Krankheiten geplagt sind, aber auch die, die über ihn herfallen, um ihn zu berühren. Ungewöhnliches passiert, für manchen ist vielleicht auch erschreckend: Wenn unreine Geister Jesus sehen, fallen sie mit Geschrei vor ihm nieder: „Du bist Gottes Sohn!“ Es war richtig was los, aufregend, mit diesem Wanderprediger aus Galiläa. Und immer wieder die Frage: Wer ist er? Ist er der, auf den sie schon so lange sehnsüchtig gewartet haben? Der Befreier Israels, ist er der Messias, oder einer der obersten Teufel, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer es behaupteten?
Maria, der Mutter Jesu und seinen Brüdern war das, was über Jesus berichtet wurde, mehr als unangenehm. Es bereitet ihnen Sorgen. Er musste wohl seinen Verstand verloren haben. Sofort wollten zu ihn, ihn nach Hause holen, auf ihn aufpassen, ihn vor sich selbst schützen.
Das Volk war nicht aufzuhalten und drängte weiter in das Haus, in dem Jesus mit seinen Jüngern essen wollte. Das Gedränge war so groß, dass kein Platz war um zu essen. Die Menschen wollten dort sein, wo Jesus war. Zu seinen Füßen sitzen, im Kreis um ihn herum auf dem Fußboden, um von ihm die gute Nachricht zu hören. Sie wollten hören, ihn, der gekommen ist, um allen Menschen Heil zu verkündigen, das Ende der Entfremdung von Gott. Sie wollen ihn hören, von ihm angerührt werden, suchten Heilung ihres Lebens.
Wo gehen wir hin, um angerührt zu werden, um Heilung unseres Lebens zu finden? Welche Wege schlagen wir ein, wo suchen wir?
Es sind aber auch einige drinnen, die rausgehen, angewidert und wütend: Schriftgelehrte und Pharisäer. Für sie ist Jesus mit dem Teufel im Bund.
Die einen sind drinnen und die anderen sind draußen. Die drinnen sind sitzen bei Jesus, hören ihm zu, sind in seiner Nähe, lassen sich berühren, anrühren – von Jesus, dem Gottessohn. Sie sind da, sind auf dem Weg der Heilung ihres Lebens. Es ist heute nicht anders. Wer da ist, im Gottesdienst, dort wo Gottes Lob erklingt, wo gebetet und Gottes Wort gehört wird, der geht verändert weg. Er wird berührt, angerührt, ist auf dem Weg der Heilung seines Lebens.
Nichts verlangt Jesus von denen, die im Kreis um ihn sitzen. Sie müssen nichts tun, keine frommen Leistungen erbringen. Sie sind da! Einfach nur da! Sitzen zu seinen Füßen! Jesus sieht sie an, zeigt auf sie: „Das sind meine Brüder und Schwestern“. - Da sein! Drinnen sein – im Kreis bei Jesus.
Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass mehr da sind, um sich berühren, anrühren zu lassen. Gut, ich bin nicht Jesus. Aber ich habe seine gute Nachricht, die verändert und unser Leben heilt. Unsere Kirche hat 600 Plätze. Wenn jeder Zehnte aus unserer Gemeinde zum Gottesdienst kommt, rücken wir ein bisschen zusammen und alle haben Platz. Mich dauert es, dass oft so wenige drinnen sind und so viele draußen.
Und da sind die, die draußen sind und gar nicht reinwollen: Jesu Mutter und seine Brüder. Sie wollen Jesus in ihren Kreis zurückholen. Sie wünschen sich, dass Jesus wieder ganz einer der Ihren wird: der Sohn Marias und der Bruder seiner Geschwister. Das, was Jesus, den Menschen „drinnen“ zum Gesandten und Heilsbringer, zum Sohn Gottes macht, erscheint den „draußen“ stehenden Angehörigen als „von Sinnen“. In ihren Augen ist er verrückt geworden.
Maria und den Brüdern Jesu fällt es schwer zu glauben, dass Jesus wirklich seit seiner Taufe Gottes Sohn ist: Jesus der wahre Mensch, dessen Mutter jeder kennt und Gottes Sohn, durch Gottes Geist berufen. Seine Familie kann es nicht akzeptieren, dass er als Glied ihrer Familie zugleich Gottes Sohn ist. Sie möchten ihn auf den historischen Jesus reduzieren, auf einen sittlich beispielhaften Menschen, als Vorbild tugendhaften und religiösen Lebens.
Die draußen sind, sehen in unserer Zeit in Jesus auch oft nur den reduzierten, historischen Jesus und nicht den Gottessohn. Für sie ist Jesus der soziale und politische Revolutionär, Helfer der Armen und Unterdrückten, der Jesus der Bergpredigt. Jesus, der zugleich Mensch und Gottes Sohn ist, das entspricht vielfach nicht neuzeitlicher Wunschvorstellungen von ihm. Wir sind ernstlich in der Gefahr, unser Christentum zu einer wundervollen Philosophie, zu einer starken Soziallehre zu machen - zu nichts weiter sonst. Jesus will aber der Heiland, unser Retter sein, der uns aus unserer Gottverlorenheit erlöst und den Riss zwischen Gott und den Menschen heilt.
Es ist eine „verrückte“ Botschaft, die Jesus hat. Eine Botschaft die weggerückt ist von dem, was Menschen der Welt denken und glauben. Damals und heute. Es ist eine Botschaft, die eine andere Perspektive hat, einen anderen Blick auf die Menschen und auf ihr Leben. Eine Perspektive, die Dinge für möglich hält, die der Welt unmöglich erscheinen. Es ist die Nachricht der bedingungslosen Liebe Gottes zu den Menschen, die ihn am Ende ans Kreuz bringt. Eine verrückte Perspektive, dass der, der die Macht im Himmel und auf Erden hat, für andere am Kreuz stirbt. Sich opfert für die, die ihn anspucken und misshandeln, die taube Ohren haben für sein Wort der Rettung. Der Welt ist es eine Torheit, uns aber ist es eine Gotteskraft.
Es war meine Aufgabe und es bleibt meine Lebensaufgabe, den Blick auf diese verrückte Perspektive anderen zu öffnen und zu zeigen. Dafür einzustehen, den Samen zu legen und zu bezeugen, dass wir geliebt sind – von Gott geliebt sind, unverbrüchlich, unverdient – aus Gnade.
Die einen sind drinnen, und die anderen sind draußen. Ich bin mir da nicht immer sicher, wer drinnen und wer draußen ist. Das wird Gott am Ende der Tage selbst entscheiden.
Für mich hat drinnen sein und draußen sein, in den Tagen des Abschieds auch noch eine etwas andere Bedeutung.
Viele Jahre war ich drinnen. Begonnen hat es, nach meiner Konfirmation vor 50 Jahren, als ich von meinem Konfirmator behutsam, aber bestimmt, auf die Orgelbank geschoben wurde. Von da an hieß es für mich: Drinnen sein, dort wo die Entscheidungen fallen, wo überlegt und geplant wird. Dort, wo die Nöte und die Freuden einer Gemeinde zusammentreffen. Dort, wo die Gedanken geboren werden, wie es mit einer Gemeinde weitergehen soll, welche Entscheidungen für ihre Zukunft nötig sind.
In ein paar Tagen, wenn ich mein Büro geräumt habe, gebe ich meinen Hauptschlüssel ab, dann bin ich draußen – wie alle anderen. Dann komme ich nirgendwo mehr selbst hinein. – Ein komisches Gefühl, an das ich mich erst gewöhnen muss. Und doch, es bleibt meine Gemeinde - und ich bin drinnen. Es bleibt mein Glaube, der mich ganz nah zu Jesu Füßen sitzen lässt, mich zum Zuhörer macht – und ich bin drinnen. Zuhören auf das, was er zu sagen hat: Im Gebet und in der täglichen stillen Zeit – bei ihm drinnen zu seinen Füßen sitzen. Meine Berufung in den hauptamtlichen Dienst endet, nicht aber meine Berufung in die Nachfolge Jesu. Ich bleibe Diakon auf Lebenszeit – ich bleibe drinnen.
Noch ein paar persönliche Worte.
1967 habe ich das Haus meiner Familie verlassen, um dem deutlichen Ruf Gottes zu folgen und mich zurüsten zu lassen für den hauptamtlichen Dienst im Reich Gottes. Es war von Anfang an ein klarer Weg, hin zu den Menschen, zu Kindern, die nicht mehr in ihren Familien leben konnten, zu Kranken, die gewaschen und gebadet werden mussten, die Pflege und liebevolle Zuwendung brauchten. Hin in verschiedene Gemeinden, zum Lob Gottes, hin alten Menschen, zu Trauernden und Sterbenden, zu Konfirmanden und Religionsunterricht, zu Paaren, die heiraten wollten.
Ich durfte in all den Jahren und in den verschiedensten Aufgaben viel dazulernen, oft unter Tränen an mir arbeiten, weil ich nicht so war, wie ich sein wollte – weil ich versagt hatte. Manches ist gelungen, manches habe ich versäumt. Von Herzen schmerzt mich, wo ich an anderen schuldig geworden bin und das lösende Wort nicht gesucht oder gefunden habe. Ich lege es vor Gott und dieser Gemeinde hin und bitte um Vergebung. Aber ich bin dankbar für den Weg, den Gott mich geführt hat. Ich bin dankbar für die guten und schweren Zeiten. Am meisten hat mich der Verlust meiner Gisela getroffen, die mir, trotz ihrer eigenen Bedürftigkeit, große Stütze und Halt war, weil ich sie immer mit ihren Gebeten hinter mir wusste.
Ich bin Gott dankbar für Cristin, die mit viel Glauben und großer Liebe den Weg mit mir weitergeht. Dankbar bin ich für die Gemeinde hier, die mich vom ersten Tage angenommen und in den dunklen Stunden durchgetragen hat. Dankbar bin ich für meine Kollegen, ganz besonders für Ute, die mit mir gemeinsam vor acht Jahren in den Dienst bei St. Paul eingeführt wurde. Dankbar bin ich für Martin, für seine Ermutigungen und so manches erquickende Gespräch über unseren Glauben und den Weg unserer Gemeinde. Dankbar bin ich für Siegfried, dem stillen Diener, hier, in der Kirche, und drüben im Gemeindehaus, der mir, zusammen mit seiner Familie, immer ein guter Freund und Begleiter war. Ich kann mit großer Dankbarkeit auf St. Paul zurückblicken und das, was mich mit Zorn erfüllt, das soll bei Gott, in seiner Vergebung Frieden finden.
Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. So endet der heutige Predigttext und so endet auch meine Predigt. In diesem Sinne habe ich viele Brüder und Schwestern hier, in dieser Gemeinde, aber auch an den andern Orten in Bayern gefunden. Wir werden uns wieder im Gottesdienst sehen und irgendwo sonst über den Weg laufen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
27.05.2011
Die Wüste weint ...
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Eltern und Angehörige unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden
liebe Gäste,
liebe Gemeinde,
eine alte Geschichte aus Nordafrika erzählt von einem Beduinen, der sich immer wieder der Länge nach auf den Boden legt und sein Ohr in den Wüstensand drückt. Stundenlang horcht er in die Erde hinein. Verwundert fragt ihn ein Missionar: „Was machst du da eigentlich auf der Erde?” Der Beduine erhebt sich und antwortet: „Freund, ich horche, wie die Wüste weint, sie möchte so gerne ein Garten sein!”
Wenn wir, wie der Beduine, stille werden, unsere Ohren auftun, nach innen richten, dann können auch wir die Wüste weinen hören. Die Wüste in uns, weil wir ein blühender Garten sein möchten. Die Wüste der Einsamkeit in uns weint, weil wir so gerne ein Garten der Begegnung sein möchten. Die Wüste der Ungeduld weint, weil sie so gerne ein Ort der Ruhe und der Langmut sein möchte. Die Wüste aus Verzweiflung weint, sie möchte so gerne ein Garten der Hoffnung sein. Die Wüste der Schuld weint, sie möchte so gerne ein Garten der Vergebung sein. Die Wüste des Sterbens weint, sie möchte so gerne ein Garten des neuen Lebens sein.
Wenn wir mutig sind, uns trauen hinzuschauen und hinzuhören, dann können wir viel Wüste in uns entdecken. Zeiten, wo wir kein blühender Garten sind, oft nur mit uns selbst beschäftigt. Zeiten, in denen uns nur wenig zu gelingen scheint. Zeiten in denen wir uns innerlich ausgetrocknet fühlen. Diese Wüstenzeiten ängstigen und blockieren uns. Wir leiden, spüren das Trostlose, das Unfruchtbare in uns. Eigentlich möchten wir doch ganz anders sein: Ein bunter blühender Garten, an dem wir und andere sich erfreuen können. Ein fruchtbarer Garten, so wie ihn sein Schöpfer gedacht und wunderbar gemacht hat. Er hat ihn mit so vielen Gaben und Begabungen ausgestattet.
Liebe Konfirmandinnen und liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, liebe Gäste und Gemeindeglieder, ihr seid solch ein wunderbarer, von Gott erdachter Garten. Nein, bestimmt keine Wüste. Ihr habt Begabungen und Fähigkeiten mitbekommen, mit denen ihr wuchern dürft. Und ich denke, dass in euch noch viel mehr an Wunderbarem schlummert, verborgen, unerkannt, jetzt noch gar nicht zu sehen. Vieles, das sich in den nächsten Jahren noch entwickeln wird. Wunderbar seid ihr, von Gott erdacht und gemacht.
Da ist aber auch Wüste in uns, das, was Leben in Gefahr bringt, das, was unser Leben oft so fruchtlos und freudlos macht. Wüste, die uns innerlich verbrennt und vertrocknen lässt und vom Leben wegbringt. Wir fühlen das, es macht uns unruhig und unglücklich, denn eigentlich sehnen wir uns danach ein blühender Garten zu sein, in dem es wächst und gedeiht. Ein blühender Garten, der uns Freude schenkt, der uns die Erfahrung machen lässt, geliebt und angenommen zu sein.
Und so sind wir auf der Suche. Oft ganz unbewusst. Wir suchen, den blühenden Garten: die Ruhe, den Frieden, die Freude, die Anerkennung, das Angenommensein. Kurz gesagt: Das, was meinem Leben Halt und Glück schenkt. Aber wo sollen wir suchen? Es gibt so viele Angebote, die uns locken, die ihre Hände nach uns ausstrecken. - Viele geben auf, weil sie nicht finden, leben so weiter – unglücklich, mit der großer Sehnsucht im Herzen nach dem, den wir Vater nennen dürfen – den Gott mit den vielen Namen. Den Gott, den wir im Konfirmandenunterricht immer wieder miteinander gesucht haben: den Gott der Barmherzigkeit, den liebenden, geduldigen, vergebenden Gott. Den Gott der uns bei unserem Namen gerufen hat und dessen Kind wir durch die Taufe geworden sind. Es ist der Gott, der unsere Lebens-Wüste mit neuem Leben erfüllen kann. Er, der Liebhaber des Lebens, der uns dazu verhelfen will, dass wir leben, richtig leben. Der Gott, der nicht will, dass sich die Wüste in uns ausbreitet und bestimmend wird.
Dieser barmherzige, liebende, geduldige und vergebende Gott lädt uns heute zu sich ein: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“. Bei ihm dürfen wir die Wüste in uns lassen, damit Fruchtbares wachsen kann.
Wenn es in der Wüste regnet, dann wird daraus ein grünender und blühender Garten. Und so will das, was wir nachher in der Beichte und im Abendmahl mit einander tun, eine Einladung Gottes sein – ein warmer Regenguss in der Wüste. Wasser für eine verdurstende Seele. „Ich will heute bei dir einkehren“, sagt Jesus zum Zöllner Zachäus. Er macht ihm keine Vorwürfe, lehnt ihn nicht ab, trotz allem was er in seinem Leben falsch gemacht und verbrochen hat. Jesus lädt sich bei ihm ein, kommt ihm, dem Sünder, nahe.
Heute lädt sich Jesus auch bei uns ein. In der Beichte und im Heiligen Abendmahl will er bei uns einkehren, damit wir Vergebung erfahren. Wir dürfen das loslassen was uns belastet und quält. Wir dürfen neu anfangen – mit ihm.
„Freund, ich horche, wie die Wüste weint, sie möchte so gerne ein Garten sein!” das war die Antwort des Beduinen. Hören wir doch die Tränen der Wüste in uns – sie möchte so gerne ein Garten sein. Amen.
Es ist der Herr
1. Mai 2011
Johannes 21, 1-14
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,
1. In dieser Nacht fingen sie nichts
„In dieser Nacht fingen sie nichts!“ Petrus und einige der Jünger waren nicht in Jerusalem geblieben wie die anderen Jünger, sondern zurück in ihre Heimat gegangen, an den See Tiberias. Dort gingen sie wieder ihrem Beruf als Fischer nach, nachdem die Geschichte mit Jesus vorüber war. Jesus gekreuzigt, gestorben, begraben. Petrus erinnert sich immer wieder daran, wie ihn die Frauen erschreckten. Sie hatten eigenartige Geschichten erzählt, dass das Grab leer sei und ihnen Jesus begegnet war. Schnell war er zum Grab gelaufen und welch ein Schreck: Es war leer. Warum, weshalb, wie konnte das sein – Jesus war doch tot, richtig tot. Die Gedanken drehten sich in seinem Kopf – er konnte nicht verstehen.
Aber Fische fangen, das konnte er noch, das war doch sein Beruf. Und dann das: Die ganze Nacht war er mit den anderen draußen auf dem See und sie hatten keinen einzigen Fisch gefangen. Es erinnerte ihn an damals, als ihm Jesus zum ersten Mal begegnet war. Da war er auch die ganze Nacht auf dem See und hatte nichts gefangen. Die Erinnerung daran schmerzte Petrus. Wenn Jesus jetzt hier wäre, dann könnte es wieder so sein wie damals, als sie, weil ER es gesagt hatte, am helllichten Tag nochmal hinausfuhren, obwohl jeder Fischer weiß: kein Fisch geht da ins Netz. Aber sie fingen so viele Fische, dass die Netze zerrissen. Ja, Jesus müsste da sein. Aber das ist vorbei. Endgültig vorbei – Jesus ist tot und sein Leichnam geklaut oder sonst was.
Hören wir die Geschichte, die unser Predigttext erzählt. Er steht bei Johannes im 21. Kapitel:
2. Text
Jesus offenbarte sich abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7 Da spricht der Jünger, den Jesus liebhatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. 9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische. 14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.
2. Habt ihr nichts zu essen?
„Habt ihr nichts zu essen?“ Seltsame Frage des Fremden, der am Ufer steht und sieht, dass sie nichts gefangen haben. Beiläufig und einsilbig ist ihre Antwort, ohne ihn weiter zu beachten: „Nein!“ Sie sind ohne einen einzigen Fisch zurückgekommen. Aber der Fremde lässt sich nicht beirren: „Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“ Und es wiederholt sich, was Petrus schon einmal erlebt hat – damals: „Da warfen sie das Netz aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische“. Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, begreift als erster was hier geschieht und wer der ist, den sie kaum beachtet hatten: „Es ist der Herr!“
3. Es ist der Herr
Liebe Schwestern und Brüder, auch heute ist uns Jesus oft ganz nahe und wir erkennen ihn nicht. Vielleicht sind wir auch zu beiläufig und in gewisser Weise einsilbig. Verwundert und erstaunt denken wir vielleicht an unseren Schutzengel, meinen „Glück gehabt“, können uns nicht erklären was geschehen ist und sprechen vom Zufall. Aber ER war da, er, der Herr!
Und er ist uns nahe in unserem Nächsten, der allein nicht mehr weiterkommt; Menschen an seiner Seite braucht, die sich seiner annehmen. „Es ist der Herr“, der sich erbarmt und nicht nur zuschaut. „Es ist der Herr“, der unsere Hände braucht als seine Hände, der unsere Liebe und unser Erbarmen braucht, als seine Liebe und sein Erbarmen. „Es ist der Herr“, der uns nahe kommt in einem Menschen, an dem wir nichts mehr menschliches und menschenwürdiges erkennen können. Menschen, vor denen wir uns ekeln, Menschen, die voller Bosheit und Gewalt sind, Menschen, betrunken, voller Gier, getrieben von Sucht, gefangen in ihrem Elend. „Es ist der Herr“, der uns in ihnen begegnet.
4. Das Netz reißt nicht, es hält
Als Petrus klar wird, dass es der Herr ist, den er verleugnet hat, ja geschworen hat, ihn nicht zu kennen, da hält ihn nichts mehr zurück. Er muss hin zu ihm – und zwar so schnell als möglich. Es brennt in seinem Herzen. Er zieht sein faltiges Obergewand an, das umgelegt und mit einem Gürtel zusammengehalten wurde, denn er wollte nicht mit nacktem Oberkörper vor seinen Herrn treten. Dann springt er ins Wasser, obwohl das Schiff schon fast das Land erreicht hatte und watet so schnell es geht ans Ufer zu Jesus. Dort, bei ihm, ist der Ort für sein schlechtes Gewissen, die Not seiner Seele.
Inzwischen ist auch das Boot mit den anderen Jüngern und dem Netz voller großer Fische an Land. Es waren 153. Sie hatten einen reichen Fang gemacht. Welch ein Überfluss, vielleicht aber auch Zeichen, dass noch viele Menschen zum Mahl erwartet werden. Johannes erzählt: „Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht“.
Es sind viele, die den von Jesus in die Welt hinausgesandten Jüngern glauben, durch ihr Wort, durch ihr Zeugnis, zum Glauben an Jesus kommen. Viele in aller Welt. Und diese Vielen zerren ganz schön am Netz des Glaubens, aber das Netz reißt nicht, es hält.
Manchmal machen wir uns Sorgen, ob das Netz des Glaubens an den Auferstandenen auch bei uns hier in Deutschland hält. Nicht einmal ein Drittel der bei uns lebenden Menschen nehmen den Auferstehungsglauben noch für sich in Anspruch. Er ist für viele bedeutungslos geworden und doch ist er das Zentrum unseres Glaubens: „Der Herr ist auferstanden! – „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Das Netz reißt nicht, es hält.
Wir machen Erfahrungen von Ermüdung, schwindender Hoffnung, ausbleibenden Missionserfolgen, Streit über Konzepte und Kompetenzen, Entscheidungen für eine bestimmte Seite gegen eine andere u.ä. gehören ebenso zum gegenwärtigen Gemeindealltag, wie Erfahrungen unerwarteter Hilfe, mutmachender Herausforderungen, glaubensstärkender Vielfalt und ökumenischer Einigkeit.
Trotzdem, das Netz reißt nicht, es hält.
5. Kommt, haltet das Mahl – sie wussten, dass es der Herr war.
„Sie wussten, dass es der Herr war!“ „Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot.“ Jesus hatte das Mahl bereitet und aß mit ihnen Brot und Fische. Niemand hatte etwas dazugetan und geholfen. Sie wussten, dass es der Herr war, obwohl ihn niemand gefragt hatte. Die von den Jüngern gefangenen Fische waren nur die Zugabe.
Wie oft meinen wir, dass wir es schaffen müssen Gemeinde zu bauen. Ich weiß nicht, ob wir dabei nicht manchmal unserem Herrn kräftig ins Handwerk pfuschen, weil wir ihn nicht machen lassen. Weil wir vergessen haben, dass er es ist, der Gemeinde baut. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ , hatte Jesus sehr ernst seinen Jüngern gesagt. Was wir können und tun ist nur Zugabe. Wir dürfen ihn machen lassen und hoffen und glauben, dass er es tut. Glaube wächst, weil Gott durch sein Wort zu uns spricht, weil er zu unserem Herzen und in unser Gewissen hineinspricht. Unsere Aufgabe ist: „Kommt, haltet das Mahl!“ Wir müssen nicht kochen. Jesus hat das Mahl zubereitet – er hat die Menschen zubereitet, dass sie glauben können. „Kommt haltet das Mahl!“ Dort ist zu finden, was der Mensch braucht: Vergebung seiner Schuld, Heilung seiner Gottesferne, Gottes Nähe und Freundlichkeit.
„Kommt haltet das Mahl!“ Wir tun das im Heiligen Abendmahl, das Jesus für uns bereitet hat. Wir tun das aber auch immer wieder, indem wir von Jesus erzählen und andere mit seinem lebendigen Wort stärken und seinem Glauben Nahrung geben, damit dieser wachsen kann und in Jesus festen Halt und Tiefe findet. Amen.
Hilf dir selbst
Lk 23, 33-49
33 Als sie an die Stätte kamen, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der a Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder,
1. Hilf dir selbst
„Hilf dir selbst!“ Dreimal hören wir das in der Erzählung des Arztes Lukas, der dabei ist und zusieht, wie ein Mensch einen schrecklichen Tod am Kreuz stirbt. Dreimal: „Hilf dir selbst!“ Menschen die sich schlecht benehmen, die Spott treiben mit einem der Todesqualen leidet und in wenigen Stunden den Tod durch Ersticken erleidet. „Und das Volk stand da und sah zu.“ Steht da und schaut betroffen zu - erbarmungslos, ohne Erbarmen.
2. Zuschauen
Zuschauen! Wir kennen das. Gaffer, die sich nicht sattsehen können an einem Unglück. Gaffer, die sich nicht sattsehen können am Grauen, am undenkbaren. Gaffer, die alles ganz genau sehen müssen - die Not anderer. Gaffer die behindern, statt zu helfen.
Zuschauen! Da ist einer gefallen, hat etwas getan, was man besser nicht tut, hat anderen geschadet. Nun ist er dran – jetzt wird ihm geschadet – gründlich – und da gibt es keinen „Notausgang“ mehr, damit er seine Würde bewahren kann. Zuschauen und laut oder leise denken: „Das kommt davon! Es geschieht ihm recht!“
Zuschauen! Da wird einer angepöbelt, kurz darauf niedergeschlagen und mit den Schuhen getreten, überall hin – auch ins Gesicht, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Zuschauen und denken: Nichts wie weg!
Zuschauen! Schweigen, wenn eine Kollegin oder ein Kollege gemobbt wird. Leise denken: „Es gibt Leute, die verdienen so was“ – oder: „Bin ich froh, dass ich in Ruhe gelassen werde.“
Zuschauen! Wenn sich Kinder schlecht benehmen und keine Grenzen kennen.
Zuschauen, nur nicht einmischen. Was geht’s mich an?
3. Gerechtigkeit
Es gibt keine Gerechtigkeit, sagt sie. Ich sitze am Tisch in ihrer Küche. Sie deutet mit dem Kopf auf ein Bild über der Kommode. Er ist im Krieg geblieben. Vier Monate waren sie verheiratet. Eingezogen, Ostfront, noch einmal Urlaub. Dann kein Lebenszeichen mehr. Ihre Tochter, erzählt sie und weint, ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seit Jahrzehnten ist sie allein. Kaltes Wohnzimmer, warme Küche. Angelaufene Fenster. Kartoffeln auf dem Gasherd. Sie wischt sich die Brille mit der Schürze.
Es gibt keine Gerechtigkeit mehr. Heute morgen hat sie erfahren, dass man ihr den gepachteten Garten wegnimmt. Nun wird er Firmengelände. Gut, sie tauschen. Aber das ist zu weit weg für mich, am anderen Ende der Stadt. Und noch einmal neu anfangen, mit 71?
Bitter sieht sie aus. Abgeschaffte Hände, abgeschaffte Seele, abgeschafftes Gesicht. Wer hat, der bekommt mehr. Der eine Geld, der andere Sorgen. Sie sagt es nicht ganz so zurückhaltend. Aber bald ist auch das 'rum. Das 'rum? Na ja, 71, sagt sie. Hätte ich einen Mann gehabt, dann hätten sie nicht so mit mir umspringen können.
Drei Wochen später bekommt sie auf der Straße einen Schlaganfall, fällt ungeschickt, stirbt noch am Unfallort. Verwandte sind keine da. Zur Beerdigung werden wenige ältere Frauen aus der Nachbarschaft kommen. Die Ansprache wird kurz sein. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Keiner, der dem Pfarrer ins Wort und der Organistin in den Arm fällt und sagt: So geht das doch nicht.
Und dann eines von den vielen Gräbern auf dem riesigen Friedhof. Nach Jahren verwildert, wenn sich keine mitleidige Hand findet. Es gibt keine Gerechtigkeit auf der Erde, nicht einmal auf dem Friedhof würde sie sagen.
Die Soldaten nehmen ihre Lanzen, den zerteilten Rock und gehen in die Kaserne. Sie haben ihren »Job getan«. Jesus ist tot. Ordentliche Arbeit, tausendfach erprobt an Juden, später an Christen. Scheintod ausgeschlossen. Auch das muss jemand tun. Wer redet von Moral?
Er ist der Zeuge für Gottes Gerechtigkeit. Immer wieder angekündigt: „... wird er, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen“ (Jes 53,11; 11,4f), der Mensch Gottes, der Zeuge der Gerechtigkeit Gottes auf Erden.
Nun hängt er, abgeurteilt nach römischem Recht, gefoltert und gedemütigt am Kreuz zwischen zwei Straftätern. Das ist die Gerechtigkeit, die auf Erden gilt. Wer die Macht hat, setzt das Recht. Der Tod hat das Sagen.
Karfreitag – Tag der Gottverlassenheit des Menschen. Karfreitagswetter, sagte man bei uns zu Hause, wenn es trübe, nasskalt war. Wenn es den ganzen Tag über nie richtig Tag wurde. Karfreitag, der Tag, an dem es nicht Tag wird.
4. Mit Spott prüfen
„Hilf dir selber!“ Da hängt er am Kreuz. Er, der kein Verbrechen begangen hat. Er, der sich um andere sorgt, Müde aufrichtet, Kranke heilt, Tote ins Leben ruft. Er hängt am Kreuz, weil er andere in die Quere kommt, ihre Macht in Frage stellt. Er muss sich mit Spott prüfen lassen: „Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“ Durch Schmach und Qual wollen die Oberen des Volkes, die Soldaten und zuletzt einer der mit ihm Gekreuzigten prüfen, ob sein Anspruch, Gottes Sohn zu sein, auch berechtigt ist. Wenn ja, wird Gott ihm helfen.
Gott hängt am Kreuz. Von Menschen hingerichtet, gequält und geschlagen. Abgelehnt und gehasst. Von den Oberen denunziert und verspottet. Sie wollen einen anderen Gott. Am liebsten wären sie selbst Gott. Vielleicht ist das der Grund, warum sie so viel Hass und Spott über den Sohn des allmächtigen und lebendigen Gottes ausgießen. Selbst Gott sein wollen. Das ist bis zum heutigen Tage geblieben. Aber Gott möchte, dass wir ihm vertrauen und annehmen, was er für uns auf Golgatha getan hat. Annehmen, dass er für unsere Schuld mit seinem Blut bezahlt hat, damit wir frei und losgekauft sind von der Macht des Bösen.
5. Der Schächer am Kreuz
Einer der mit Jesus gekreuzigt war hat es verstanden, wer da neben ihm am Kreuz hing und was das für ihn bedeutet. Er hat hingeschaut auf das eigene Leben, auf die eigene Schuld, weist den anderen, der Jesus prüfen wollte, wie die Oberen und Soldaten, zurück: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Jesus, der leidende und sterbende Gottessohn nimmt sich, trotz der eigenen Qual und Pein, des Verbrechers neben ihm an und verheißt ihm den Lohn des Gerechten. Ihm, der sich seiner Schuld gestellt hat, der bereit war hinzusehen auf sein Leben und es vor Jesus zu bekennen, ihm nimmt Jesus die Schuld ab, legt sie bei sich aufs Kreuz und spricht ihn ledig und frei – vor Gott gerecht.
6. Wir am Karfreitag 2011
Ich denke, dass das auch unseres Sehnsucht ist, heute, am Karfreitag 2011, dass der gekreuzigte und auferstandene Herr und Heiland uns freispricht von all dem was in Gottes Augen keinen Bestand hat. Wir werden nachher Zeit haben, jeder für sich, sein Leben anzuschauen – hinzusehen auf das was uns schmerzt, auf das, was wir besser nicht getan hätten, auf das, was uns von Gott und von anderen Menschen trennt. Hinsehen auf das was Heilung und Vergebung braucht. In der Beichte und dem Heiligen Abendmahl, das wir anschließend feiern, bietet uns Gott die Vergebung unserer Schuld und einen Neuanfang an.
Und der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
27.03.2011
Den Seinen gibts der Herr im Schlaf
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Hinführung zum Thema
Wir erleben gegenwärtig eine harte Zeit in der Kirche und in der Gesellschaft. Es herrscht ein rauher Wind. Überall ist das Geld knapp geworden, trotz eines neuen „Wirtschaftswunders“ von dem die Wirtschaft und andere Fachleute sprechen. Es müssen Schuldenberge, die schwindelnde Höhen erreicht haben, zurückgezahlt werden. Einige Staaten in Europa stehen am Rand der Staatspleite. Es herrscht bei vielen Angst, dass der Euro zu wertlosem Papier wird.
Monatelang streitet Regierung und Opposition über die vom Verfassungsgericht angemahnte Neuberechnung des Hartz IV-Gesetzes – dann haben sie sich geeinigt – und nun doch wieder nicht. Der Bürger fragt sich, ob die Regierung noch handlungsfähig ist, wenn sie Verhandlungen regelmäßig ohne Ergebnis vertagt, bzw. das Ergebnis nicht länger als wenige Stunden hält. In den letzten Tagen kann man hören, dass viele Kommunen an der Grenze ihrer Zahlungsfähigkeit angelangt sind, wegen hoher Sozialausgaben.
Unser soziales Miteinander scheint mehr und mehr dem Egoismus Einzelner und den Interessen bestimmter Gruppen gewichen. Die Folge: Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Für die Rettung von Banken, die Milliarden verzockt haben, stehen Unsummen bereit, für Kindergärten, Schulen und Universitäten ist das Geld knapp. Und nach dem großen Bankencrash wird munter weitergezockt und so getan als sei nichts gewesen.
Der raue Wind ist auch in der Kirche zu spüren. Missbrauch auch bei uns, in der Nachbarschaft. Die Gemeinden werden immer kleiner. Es werden mehr Menschen beerdigt als getauft. Die Kirchenaustrittszahlen halten unvermindert an. Für viele gehört es zum guten Ton nicht mehr in der Kirche zu sein, obwohl sie sich als gläubige Menschen sehen. Längst lassen sich nicht mehr alle jungen und getauften Christen konfirmieren. Nach der Konfirmation ist für die meisten Pause. Wenige bleiben aktiv dabei. Ich mache mir Sorgen und Gedanken, wie aus diesen jungen Menschen gestandene Christen werden, wenn sie nicht zu Bibellesern werden, in den Gottesdienst und in die Gemeinde kommen, wenn sie leben wie die, die nichts vom liebenden Gott gehört haben.
2. Predigttext
In diese bedrückende Situation hinein hören wir den heutigen Predigttext. Ein Wort Jesu, aus dem hoffnungsvolle Stimmung klingt, auch wenn er in einem heftigen Kontrast zu unserer Lebenswirklichkeit steht. Er steht geschrieben im Evangelium des Markus im 4. Kapitel:
Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft
27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. 28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. 29 Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.
3. Wie von selbst ...
So mancher Landwirt oder Hobbygärtner mag sich über diesen Text ärgern. Samen in die Erde, das war’s. Der Rest geschieht von allein. Jetzt muss man nur noch zusehen, es wächst von allein. Da steht nichts vom Gießen oder vom Düngen, da steht nichts vom Unkraut jäten und beschneiden. Es geschieht von selbst. Aber ist das wirklich so? Wir sehen doch die schwere Arbeit eines Landwirts oder wie der Gärtner den Rücken krumm machen muss, damit er einen guten Ertrag hat. In unserem Gleichnis legt man sich aufs Ohr und lässt es einfach wachsen, lässt den Wachstumskräften freien Lauf – das wird dann schon. Aber geht das wirklich so? Oder fehlt uns dazu nur die nötige Gelassenheit, das Zutrauen, dass es auch ohne uns geht? Was will uns das Gleichnis Jesu sagen, was sollen wir daraus lernen?
4. Wort Gottes – der gute Samen
Ich stelle mir das bildlich vor: Der Prediger auf der Kanzel der St. Paulskirche ist der, der den guten Samen des Wortes Gottes unter die Menschen wirft. Er hat sich vorbereitet, hat Gottes Wort sprechen lassen und jedes Wort gewogen, das er der Gemeinde sagen möchte. Und dann, wie geht es weiter? Was kommt dabei heraus? Wächst der Glaube in den Menschen? Wächst die Gemeinde? Entsteht neuer Hunger nach Gottes Wort? Wird die Gemeinde lebendig und dienstbereit? Steigt das Spendenaufkommen, weil die Hand offener wird für die Nöte anderer und die Aufgaben der Gemeinde?
Was bewirkt der Samen, die Predigt? Solche und ähnliche Gedanken beschleichen mich manchmal, weil ich meine es müsste viel passieren, da wir doch einen so wunderbaren Samen in die Herzen der Menschen legen, weil wir doch eine so großartige frohe Botschaft predigen. Und dann träume ich unsere Kirche voll Menschen, sehne mich nach einem Aufbruch, nach einer neuen Ausgießung des Heiligen Geistes. Träume, dass aus den Wenigen die zum Gottesdienst kommen die Vielen werden, die sich nach Gott auszustrecken und von der Sehnsucht nach Gott und seinem Wort ergriffen werden.
Fehlt mir die Gelassenheit Gott zuzutrauen, dass er auch diese, unsere Gemeinde nie aus dem Blick verliert, sie wachsen lässt und erhält? Fehlt mir die Gelassenheit Gott zuzutrauen, dass er sich um all die Menschen kümmert die in unserem Land leben und für jeden das bereithält was er braucht? Hat nicht Gott für jeden dieser Menschen seinen Weg?
Wir werfen den Samen, das Wort Gottes unter die Leute und Gott lässt es wachsen, so unser heutiger Predigttext. So wie der Gärtner, der Landwirt nicht dem Wachstum nachhelfen kann, indem er an den Pflanzen zieht - er würde die jungen Pflänzchen ja nur ausreißen – so können auch die, die Gottes Wort unter die Leute bringen nicht nachhelfen. Gottes Wort muss in den Herzen der Menschen selbst wachsen und sich einwurzeln. Wir dürfen fest darauf vertrauen, dass Gottes Wort nie leer zurückkommt. Gottes gepredigtes Wort wird Frucht bringen. Wir müssen die Frucht nicht schaffen, und wir müssen auch nicht an den jungen, zarten Glaubenspflänzlein ziehen, damit sie schneller wachsen. Gott schafft die Frucht im Leben derer, die sein Wort hören und in ihrem Herzen bewahren.
5. Im Glauben frei
Dr. Martin Luther schrieb einst an seine Frau: „Liebe Katharina, nach einem langen Tag sitze ich bei einem Maß Bier und denke mir, der liebe Gott wird es schon machen!” Dieses kindliche Vertrauen wünsche ich mir auch manchmal: Gott wird es schon machen.
Wie oft meine ich, dass wir es sind, die es machen müssen. Fange an mir Sorgen zu machen über die Zukunft der Kirche und die Zukunft unseres Volkes, das so leichtsinnig die Werte die aus dem Glauben kommen wegwirft. Was ich dabei vergesse ist, dass Gott immer der Wirkende ist, ob wir nun rackern oder ruhen. Wir dürfen das tun, was in unseren Kräften steht, gern, gleich und ganz! Und wir können vertrauen, dass Gott tut, was in seiner Macht steht.
Der Liederdichter Paul Gerhardt wusste was es heißt zu glauben und nicht zu sorgen ob der Samen wohl aufgehen mag. Voller Vertrauen dichtete er: „Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll. Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“
Dieses Vertrauen macht frei! Es macht nicht lässig, aber gelassen, nicht übermütig, aber mutig, nicht träge, aber tragfähig, nicht ängstlich, aber engagiert. Und so konnte der Beter des 127. Psalms beten: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf!“ „Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ Ich liebe dieses Wort. Da steht nämlich nicht: Den Seinen gibt’s der Herr beim Rumrennen und Betrieb machen. Wir müssen nicht eine Aktion nach der anderen starten und möglichst auf allen Hochzeiten tanzen. Das sollen ruhig die anderen machen, die es viel besser können als wir. Unsere Arbeit ist den Samen auszuwerfen. Gott wird dann das Seine dazutun und Wachstum schenken.
Ohne Samen kann nichts wachsen. Darum sind auch Eltern und Großeltern dafür verantwortlich, dass der Same des Wortes Gottes in ihren Kindern eingepflanzt wird. Dass ihre Kinder erfahren und erleben wie christlicher Glaube gelebt wird. Kinder lernen durch das Vorbild ihrer Eltern, nicht durch Druck und Forderungen. Darum dürfen Eltern und Großeltern voll Vertrauen den Kleinen von Jesus erzählen und ihnen den Glauben an den lebendigen und barmherzigen Gott lieb machen, indem sie das leben was sie sagen. Für das Wachstum des Glaubenssamens wird aber Gott sorgen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass er das zum Leben erweckt, was wir im Vertrauen auf ihn in unseren Kindern gesät haben.
6. Saat auf Vertrauen
Vor 110 Jahren haben die wenigen Menschen, die damals in der Südstadt gewohnt haben mit viel Glauben eine große Kirche, die größte in Fürth, mitten auf den Acker gestellt – unsere St. Paulskirche. Sie haben das im Vertrauen darauf getan, dass Gott segnen wird, was sie begonnen haben. Um die Kirche hat sich im Laufe der Jahre eine große Gemeinde gesammelt. Die größte Gemeinde hier in Fürth. Unzählige Menschen wurden in ihr getauft und konfirmiert, haben an ihrem Altar geheiratet und das heilige Abendmahl gefeiert. Wenn unsere Vorfahren diesen Glauben nicht gehabt hätten, so würde heute vielleicht eine kleine Kirche hier stehen und nicht das schöne, große, helle Gotteshaus.
Und so wollen wir im selben Glauben und Vertrauen in diesem Jahr unser neues Gemeindehaus neben das Pfarrhaus bauen, in der Hoffnung, dass es von Ihnen, liebe Gemeinde, mit Leben erfüllt werden wird. Wir wollen glauben und vertrauen, dass über viele Generation, das Zusammenleben in diesem Stadtteil durch das neue Gemeindehaus Segen empfängt. Wir können planen und bauen, aber das Wachstum und Gedeihen in dem neuen Haus und in unserer Gemeinde kann nur Gott schenken. So kann ich eigentlich nur um zweierlei bitten:
Das erste ist, dass Sie, liebe Gemeinde, alles Nachdenken und Planen mit ihren Gebeten begleiten.
Als zweites, dass Sie ihrer Gemeinde auch die nötigen finanziellen Mittel (ca. 200.000 €) mit vielen, vielen kleinen und größeren Spenden zur Verfügung stellen, damit es ein einladendes neues Haus unserer Gemeinde werden kann.
7. Die Ernte
In meinem Herzen kann ich kaum den Tag der Ernte erwarten. Das ist dann wenn der Landwirt, der Gärtner sagen kann: „Die Mühe hat sich gelohnt, der Herr hat das Wachstum dazu gegeben.“ Auch in unserer St. Pauls-Gemeinde können wir immer wieder Ernte erleben und erfahren, dass Gott zu dem, was wir oft mit zittern und zagen beginnen und tun, seinen Segen gibt. Unsere St. Paulsgemeinde hat mit ihrer wunderbaren Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen diesem Stadtteil geprägt. Viele, viele Menschen haben erfahren was es heißt in einer Gemeinde Halt und Gebogenheit zu spüren – und was es heißt sich einzubringen für andere, die Nähe, Geborgenheit, Hilfe und die Gewissheit brauchen, dass sie nicht allein sind, egal in welcher Situation sie sich befinden. Das ist Grund genug, um Gott zu danken, dass er es ist der das Wachstum schenkt. Amen.
10.08.2010
Radio F: Suchen und finden
Seit ein paar Wochen bin ich immer wieder einmal mit meiner Frau unterwegs, um mit einem GPS-Gerät einen so genannten Gecaches zu suchen. Das sind kleine, sehr kleine, aber auch größere Dosen, die ein Logbuch, manchmal auch einen Tauschgegenstand, enthalten. Anschließend wird dieser gefundene Cach im Internet auf einer internen Seite mit einem freundlichen Kommentar geloggt, bzw. als gefunden eingetragen.
Das Suchen ist manchmal nicht einfach, denn der Fantasie ist keine Grenzen gesetzt den Cach, der nicht größer als ein Fingernagel sein kann, zu verstecken. Alle Geduld und Beharrlichkeit der Welt ist dann gefragt um nicht aufzugeben. Manchmal muss man sich auch zwei, dreimal aufmachen um zum Ziel zu kommen.
In unserem Glaubensleben ist es manchmal auch nicht leichter. „Suchet, so werdet ihr finden“, das sagt uns Jesus. Suchen heißt beharrlich sein, dabei bleiben, dran bleiben. Nicht darauf warten, dass das einem in den Schoß fällt. Gott suchen, seine Nähe, seine Liebe, seine Nachricht an mich. In Gottes Wort suchen wie er ist, was er über sich zu sagen hat, was er über mich spricht.
Ich wünsche, dass Sie erfolgreich suchen und diesen lebendigen Gott finden, der Ihren Hunger und Ihren Durst nach lebendigen Brot und lebendigen Wasser stillen will, damit Sie Frieden im Herzen finden.
Ihr Werner Otto Sirch, Diakon in Fürth-St. Paul
Radio F: Neinsagen
Bei unserer wöchentlichen Teambesprechnung kamen wir auf das Thema Nein-sagen. Wir mussten zugeben, dass es uns allen schwer fällt in bestimmten Situationen ein klares und unmissverständliches Nein auszusprechen. Wir drücken uns drum herum, fangen an rumzueiern, versuchen unser Nein abzumildern oder zu umschreiben.
Unsere Jugendreferentin erzählte, dass sie Jugendliche, die durch die Art ihrer Fragestellung kein Nein ermöglichen, oft fragt, ob sie in der Lage wären, auch ein Nein zu akzeptieren und damit die Türe zum Nein öffnet.
Ein konsequentes Nein könnte oft heilsam sein. Einfach nur ein Nein. Ich denke an die Kasse im Supermarkt, wo es manche Dramen zwischen Eltern und Kinder gibt, weil die Kleinen den Verlockungen der süßen Sachen nicht widerstehen können. Ein gutes Übungsfeld für die Eltern bei ihrem freundlichen Nein zu bleiben. Kinder müssen lernen Frustrationen auszuhalten, das sind wir ihrer Entwicklung und Reifung schuldig.
Wir müssen unseren Kindern aber auch lernen Nein zu sagen, zu Drogen, Alkohol, Zigaretten und sexuellen Verführungen. Sie müssen lernen ihr Nein zu verteidigen, auch wenn sie dadurch in ihrer Gruppe im Abseits stehen.
Uns Erwachsenen wünsche ich ein konsequentes Nein zu Rechtsradikalismus, Rassenwahn und so manchem was mit Lüge und Betrug teuer erkauft wird.
Ihr Werner Otto Sirch, Diakon in Fürth-St. Paul
Rdaio F: Dick, dumm, krank
Wie lange haben Sie gestern vor dem Fernseher gesessen? Wie lange wird es heute sein? Wie lange haben Ihre Kinder in die Röhre geguckt? Manche Eltern meinen, dass es die Intelligenz und das Wissen ihrer Kinder fördert, wenn diese vor dem Fernseher sitzen oder im Internet surfen.
Fernsehen macht Kinder dick, dumm und krank – so kann man es in den Medien hören oder lesen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, die einen eigenen Fernseher im Zimmer haben, durch häufigeres und längeres Fernsehen schulische Schwächen und deutliche Beeinträchtigungen in ihrer Gesundheit entwickeln können. Je länger Kinder vor dem Fernseher sitzen, desto größer ist das Risiko für gesundheitliche Störungen.
Ich denke wir sind es unseren Kindern schuldig, dass sie sich bewegen, an die frische Luft kommen und ihre Entwicklung nicht durch Fernsehkonsum schädigen. Es ist nicht der Fernseher, der unsere Kinder glücklich macht, auch nicht das Surfen im Internet, das ihnen die große weite Welt eröffnen soll. Unsere Kinder benötigen die Liebe ihrer Eltern und heile soziale Beziehungen in denen sie sich geborgen fühlen können. Wir Erwachsene sind dabei herausgefordert, weil wir Vorbild unserer Kinder sind. Sie übernehmen unsere Verhaltensweisen - kritiklos auch unsere schlechten. Das kann auch Fernsehkonsum sein, statt Zuwendung, Spiel und Bewegung.
Ihr Diakon Werner Otto Sirch aus Fürth, St. Paul
Radio F: Geocacher
Vor einigen Monaten bekam ich einen aufgeregten Anruf, auch weitere Anwohner meldeten sich, es würden zwei Männer um unsere Kirche schleichen, hinter die Büsche, vorne herum – immer rum um die Kirche. Ihr Verhalten kam den Anrufern komisch vor. Sie hatten den Eindruck, als hätten diese Leute nichts Gutes vor. Ich war ebenso ratlos, konnte mir daraus keinen Reim machen.
Zu unserer Hochzeit bekam meine Frau ein GPS-Gerät geschenkt, mit der herzlichen Einladung ihren Ehemann damit doch aus dem Haus und an die frische Luft zu locken. Geocaching nennt sich das. Eine moderne Schnitzeljagd, bei welcher man mit dem GPS-Gerät versteckte Caches aufspürt, sich in das darin enthaltene Logbuch einträgt und das ganze im Internet logt.
Solche Caches werden meist bei interessanten Bauwerken oder in besonders schöne Gegenden gelegt, um Geocacher anzulocken. Die zwei Männer, die um unsere Kirche schlichen, waren solche Geocacher, die gar nicht gerne beobachtet werden wollen, damit nicht fremde, so genannte Muggels, den Cach finden, mitnehmen oder zerstören.
Ich freue mich, dass bei unserer Kirche solch ein Cach liegt, der andere anlockt, die dann unsere schöne Kirche sehen, vielleicht auch reingehen um ein Gebet zu sprechen.
Ihr Diakon Werner Otto Sirch aus Fürth-St. Paul.
Radio F: Falsche Entscheidung
Bilder von gestern tun sich auf: Loveparde 2010. Menschen auf engstem Raum, Kopf an Kopf, Minuten vor der Massenpanik. 21 Menschen verlieren ihr kostbares Leben und hunderte werden verletzt. Stundenlang ging es vorher weder vorwärts noch zurück, der Platz wurde immer enger. Allein vom Ansehen der Bilder beschleicht mich ein Gefühl der Enge und mir wird bange. Mancher, der in der Menschenmenge im Tunnel steckte, wird geahnt haben, dass er eine falsche Entscheidung getroffen hat, als er hierher kam. Heute wissen wir, dass es falsche Entscheidungen auch bei den Verantwortlichen gab, aus welchen Gründen auch immer.
Nicht nur bei solchen Massenveranstaltungen können falsche Entscheidungen Tod und Verletzungen bringen. Jede Autofahrt bringt uns in solche Gefahr. Lebensrisiko, könnten wir dazu sagen. Oft ahnen wir oft nicht, wie weitreichend unsere Entscheidungen sein können, die wir treffen und welche Folgen sie für uns und andere haben können.
Ich kenne Christen, die vor Entscheidungen ihre Hände falten und Gott um Weisheit bitten, damit sie das Richtige und das Nötige tun. Andere beten, um Gottes Schutz, bevor sie mit dem Auto losfahren. Ich weiß, dass wir trotzdem falsche Entscheidungen treffen, uns falsch verhalten und in Gefahr geraten können, denn Menschen machen Fehler. Betenden Menschen wissen aber um ihre Verantwortung vor Gott und gegenüber anderen und werden so ihre Entscheidungen treffen.
Ihr Werner Otto Sirch, Diakon in Fürth-St. Paul
19.07.2010
Seine Pläne ...
Seit Februar ist Cristin auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, um ihre begonnene Lehre als Kauffrau für Bürokommunikation zu beenden. Ihr bisheriger Chef hat schon im vergangenen Oktober sein Gewerbe abgemeldet und damit die Berechtigung als Ausbilder im dualen System verloren. Anfang Februar wurde er von der IHK gezwungen, Cristin aus diesem Grund fristlos zu kündigen. Ach ja, da gäbe es viel zu erzählen was es nicht alles gibt, was sich bestimmte Leute leisten, Dinge, es gar nicht geben dürfe. Selbst das Arbeitsgericht konnte nicht weiterhelfen. Gewerbe abgemeldet ist Gewerbe abgemeldet, da entfällt dann auch der Schutz eines geschützten Arbeitsplatzes, wie dies eine Lehre darstellt.
Imzwischen hat sich Cristin bei zig Firmen in der Umgebung beworben, um ihre Lehre fortzusetzen. Sie kann ausgezeichnete Zeugnisse vorweisen: Abschlusszeugnis Berufsschule 1. Lehrjahr Durchschnitt 1,4; Zwischenprüfung bei der IHK Überdurchschnittlich mit Note 2 abgelegt; Berufsschule 2. Lehrjahr Durchschnitt 1,6. Es trifft also nicht zu, dass ihr die Eignung für ihren Beruf fehlen würde. Trotzdem gibt es keinen Ausbildungsplatz für sie - die Ausreden tun manchmal richtig weh.
Ein paar Firmen sagten ab, weil sie nicht die volle Förderung bekamen, andere weil es nicht die volle Lehrzeit war und viele mit freundlichen Wünschen für die Zukunft.
Die Erfahrungen als Lehrstellensucher sind schon bitter. Cristin verlässt jetzt das duale System und macht im schulischen weiter, was eine Verlängerung ihrer Ausbildungszeit um ein Jahr zur Folge hat.
Eine Bewerbung läuft noch - vielleicht ... die Hoffnung stirbt zuletzt ...
Gott hat einen guten Plan ... es ist spannend.
13.04.2010
Heute vor 60 Jahren
Liebe Eheleute Sirch,
heute vor 60 Jahren wurde unsere liebe Gisela geboren. Sie hat ihr Leben im treuen Glauben an Jesus Christus vollendet und ist uns zu Gott in die Ewigkeit vorausgegangen.
Ich denke in Liebe und Hochachtung an Gisela und bitte Sie, einen Blumengruß von mir auf ihr Grab zu legen oder zu pflanzen. Danke!
Herzliche Grüße und gute Wünsche, auch an die Familie Holger Sirch.
Frohe Ostern!
Margarete Tanner
PS: Meine Herzkranzgefäse sind nahezu verbraucht. Die Sauerstoffzufuhr zum Herzen beträgt knapp 10%. Ich erlebe jeden Tag als großes Geschenk und muss mich sehr schonen, damit ich "das Glück des Erdenlebens" noch ein bißchen geniesen darf. (EG 451)
Der Herr ist auferstanden!
Was ist mein Glaube ohne den Glauben an die Auferstehung der Toten?
Mir gehen oft Gedanken an Gisela durch den Kopf, die so sehr daran geglaubt hat, dass sie auferstehen wird um bei Gott zu sein. Sie wollte als Geheilte bei Jesus sein.
Mit diesen Gedanken im Hintergrund habe ich meine diesjährige Osterpredigt verfasst.
Predigt 1. Kor. 15, 1-11
Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht,
2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
3 Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;
4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;
5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.
6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.
7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.
8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.
9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.
11 Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.
Liebe Gemeindeglieder,
liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Dieser Osterruf hat heute früh, als es hell wurde, in der Feier der Osternacht, unsere Kirche erfüllt. Ein wenig zaghaft – aber doch. Es fällt nicht jedem leicht, das, was so gegen jeden Verstand und gegen jede vernünftige Erklärung ist, laut von sich zu geben. Mit einem Schlachtruf und der Vereinshymne auf dem Fußballplatz geht es da schon etwas leichter.
Der Herr ist auferstanden! In unserem Herzen mag dies tief verankert sein, es mag zu unserem Glauben gehören, dass der gekreuzigte Jesus nach drei Tagen auferstanden ist. Unseren Glauben aber laut vor anderen zu bekennen, das ist eine ganz andere Sache. Viele von uns sind schweigende Gläubige geworden. Und das betrifft nicht nur unseren Osterglauben. Wir glauben und schweigen über das was wir glauben. Dabei lebt unser Glaube doch davon, dass er vor anderen bezeugt wird, dass wir weitererzählen was wir glauben. Wovon unser Herz voll ist, das will doch unser Mund erzählen.
Der Herr ist auferstanden! Das ist der Ruf gegen die Macht und die Finsternis des Todes. Es ist Ruf und Bekenntnis. Der Herr ist auferstanden! Das ist unser Ruf, unser Widerstand gegen den Tod, gegen seine Grausamkeit und die Fürchterlichkeit der gewaltsamen Trennung von denen die wir lieben. Es ist unser Widerstand gegen den Verlust unseres Lebens.
Der Herr ist auferstanden! Das sind die Worte, mit denen wir unsere Hoffnung in die Welt hinausschreien, dass am Ende nicht der Tod der Sieger bleibt und wir ein Leben voller Mühsal und Sinnlosigkeit gelebt haben.
Viele tun sich schwer mit der Botschaft der Auferweckung Jesu, auch solche, die sich als Christen bekennen. Unser naturwissenschaftlich und historisch geschulter Verstand stößt mit der Auferweckung der Toten an eine Grenze. Vielleicht auch, weil wir nicht glauben können was wir nicht sehen. Leider maßen sich auch getaufte Christen das Urteil an: es gibt keine Auferstehung der Toten. Tote sind tot, das ist endgültig. Es ist die Erfahrung, die das Leben lehrt, erlebte Realität.
Der Herr ist auferstanden! Das ist nicht irgend eine Nachricht, die sich ein paar Leute ausgedacht haben. Der Herr ist auferstanden!, ist der Ruf des Glaubens gegen allen Anschein, gegen alle menschliche Vernunft.
Ich glaube denen, die bezeugt haben, die Zeugen sind, dass Jesus von den Toten auferstanden ist – auch wenn es eine noch so unglaubliche Nachricht ist.
Der Apostel Paulus nennt die Namen von Menschen, die den Auferstandenen Jesus, den Christus, gesehen haben, die mit ihm gesprochen haben. Er spricht nicht nur von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen, damals vor Damaskus, als er vom Verfolger zum Glaubenden wurde: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Paulus nennt Zeugen, die bezeugen können, dass Jesus auferstanden ist: Kephas, Jakobus, fünfhundert Brüder, danach die Apostel und als letztes er, Paulus. Nicht zu vergessen die, von denen die Evangelien erzählen: die Frauen am Grab, Thomas, der Zweifler, der die Nägelmale Jesu berühren wollte, um diese unglaubliche Geschichte von der Auferstehung Jesu von den Toten glauben zu können.
Die ersten, die damit konfrontiert wurden, dass Jesus lebt, konnten es zuerst auch nicht glauben. Sie haben total verschreckt geschwiegen und sind dann doch zum Grab gelaufen um zu sehen, ob es stimmt, ob es wirklich so ist, dass das Grab leer ist.
Der Herr ist auferstanden! Was ist mein Glaube wert, ohne den Glauben an die Auferstehung Jesu? Was ist mein Glaube wert ohne die Hoffnung, dass ich nicht im Grab bleibe, weil Jesus mich aus dem Grab herausruft zu einem neuen Leben bei ihm?
Nichts! Mit einem Wort: Nichts! Mein Glaube ist ohne die Auferstehung Jesu nichts wert. Ich hätte vergeblich geglaubt, wäre einer Ideologie für gute Menschen angehangen, die es nicht schaffen gut zu sein. So aber weiß ich: Meine Gebete spreche ich nicht zur Wand. Mein Glaube hat ein Gegenüber. Er lebt, der sich meiner erbarmt, mein Verkehrtsein mit ans Kreuz genommen hat und mich liebt, so wie ich bin. Er lebt der mich gewollt hat, noch bevor ich das Licht dieser Welt erblickt habe, für den ich so wertvoll bin.
Ich bin dankbar, dass ich es glauben darf und glauben kann, wie es Martin Luther im Buch Hiob übersetzt hat: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet, und er wird mich hernach aus der Erden aufwecken. Und werde darnach mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen.“ Ich habe Zukunft – ich werde Gott sehen. Bei ihm finde ich meine Zukunft, mein Ziel. Auferstehen – bei Gott sein - in seinem Frieden. Dort sein wo es keine Krankheit und keinen Schmerz mehr gibt, wo wir nicht mehr all die Mühe und Plage dafür einsetzen müssen, um wenigstens ein wenig Glück zu erhaschen. Ich weiß, dass mein Erlöser lebet …
Der Herr ist auferstanden! Und wir werden auferstehen, weil er uns nicht im Grabe lassen wird. Im Evangelium des Johannes können wir es lesen, Jesus verheißt seinen Jünger: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Leben, obwohl wir sterben. Leben, weil er, unser Herr, lebt und uns aus dem Tod herausrufen wird. Für unseren menschlichen Verstand unverständlich, unbegreiflich wie das gehen soll. Vielleicht kann uns zum Schluss dieser Predigt eine kurze Parabel helfen.
„Da war einmal ein guter Mensch. Er hatte Mitleid mit dem hässlichen Gewürm der Raupen, wie sie sich Stunde für Stunde vorwärts plagten, um mühselig den Stängel zu erklettern und ihr Fressen zu suchen ... Und der Mensch dachte: Wenn diese Raupen wüssten, was da einmal sein wird, was ihnen als Schmetterling blühen wird ... Und er wollte ihnen sagen: Ihr werdet frei sein! Ihr werdet eure Schwerfälligkeit verlieren. Ihr werdet mühelos fliegen und Blüten finden! Und ihr werdet schön sein! Aber die Raupen hörten nicht. Das Zukünftige, das Schmetterlingshafte ließ sich in der Raupensprache einfach nicht ausdrücken. – Er versuchte Vergliche zu finden: Es wird sein wie auf einem Feld voller Möhrenkraut ... Und sie nickten, und mit ihrem Raupenhorizont dachten sie nur ans Fressen...“
Es wird sein, was wir jetzt noch nicht verstehen können, wofür wir keine Worte haben. Aber wir dürfen das Unglaubliche schon heute glauben:
Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Amen.
07.09.2009
Cristin + Werner

Es war wohl der glücklichste Tag meines Lebens (jedenfalls kam mir das so vor). Ich durfte nochmals ja sagen, dass ich mit einem Menschen Freud und Leid teilen will und bekam von ihm das Versprechen, dass er zu mir stehen will in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit.
Am 28. August heirateten Cristin und ich vor dem Standesamt und am drauffolgenden Tag in unserer Kirche.
Auf dem Standesamt waren Holger, Elisabeth, Sabine, unsere Trauzeugen (Lydia und Dieter) und die Rostocker Freunde Simone und Mike aus Rostock dabei. Es war eine kurze Zeremonie, in welcher der Standesbeamte vor allem zum Thema Scheidung sprach - was Cristin und mich etwas amüsierte. Dann aber, als ihr die Freunde zur Hochzeit gratulierten, flossen die Tränen des Glücks.
Mit großer Freude und viel Spaß nahmen wir unser Mittagessen in jener Pizzeria ein, in der ich um Cristins Hand angehalten hatte.
Am Nachmittag gab es noch einiges zu erledigen, damit die kirchliche Trauung ohne "Pannen" stattfinden konnte.
Den Abend beendeten mit unseren schon früher angereisten Gästen bei unserem Stammdöner - es war richtig lecker und die kleine Tochter der Freunde aus Rostock meinte: "Das ist eine coole Hochzeit, mit Pizza und Döner."
Der glücklichste Tag meines Lebens - Teil 2
Dann der Tag der kirchlichen Trauung. Wir hatten in der Nacht zuvor kaum geschlafen. Um 22 Uhr hatten wir Übernachtungsgäste vom Bahnhof abgeholt und sie anschließend noch etwas verköstigt. Nach Erzählen und Essen war es dann recht spät geworden, als wir endlich todmüde ins Bett fielen. Als um 5:30 Uhr der Wecker klingelte, hätten wir gerne ein wenig länger geschlafen - wenn wir gekonnt hätten, denn die Aufregung und die Erwartung auf den lang ersehnten Tag hatte uns eh den Schlaf geraubt.
Kurz vor 7 Uhr setzte ich Cristin beim Frisör im Kaufland ab. Ihre Frisörin wartete, eine Morgenzigarette rauchend, vor der Eingangstüre auf sie. Sie fing extra wegen ihr zwei Stunden früher an, damit Cristin rechtzeitig fertig werden würde. Inzwischen fuhr ich wieder nach Hause, um mit unseren Übernachtungsgästen zu frühstücken.
Gerade als wir mit unserem ausgedehnten Frühstück zu fertig waren läutete mein Handy und Cristin meldete, dass ich sie jetzt abholen können - eine halbe Stunde früher als geplant. Also fuhr ich los um sie abzuholen. Ich war ganz schön aufgeregt, als ich in Polohemd und Jeans unterwegs war um meine Braut heimzuholen.
Was soll ich sagen: Es war ein Traum, als ich sie in ihrem Brautkleid stehen sah. Sie sah traumhaft aus!!! Meine Frau! Es jubelte in mir. Mein Herz wollte aus der Brust springen vor lauter Freude und Liebe zu ihr.
Als wir zu Hause eintrafen war Dieter und Moni bereits da. Dieter sollte unser Brautauto fahren. Als ich mit Cristin die Wohnung betrat meinte Dieter humorvoll trocken: "Wer ist die fremde Frau hier? Raus mit ihr!" Cristin war ja auch kaum wiederzuerkennen. Sie sah einfach toll aus! Jetzt konnte ich mich endlich in mein hochzeitliches Gewand werfen.
Wir fuhren los. Im Blumenladen, wo der Brautstrauß und der Blumenschmuck fürs Auto warteten, wurde ich erst mal angeraunzt, weil man mit uns bereits um 8 Uhr gerechnet hatte. Geschmacklos dachte ich, es war mir egal. Wir hatten einen wunderbaren Tag vor uns und das zählte und nicht das "Gemotze" des Floristen.
Lustig ging es beim Fotografen zu. Dort war bereits ein anderes Hochzeitspaar. Man kannte sich, denn es waren die Brautleute, die sich gewünscht hatten von mir getraut zu werden, was aber nicht möglich war, weil ich am gleichen Tag selbst heiraten wollte. Es war ein großes Hallo jedenfalls.
Und es gab noch ein Hallo. Wir zogen mit unserer Fotografin durch den Stadtpark und sie animierte uns für wunderbare Fotos. Sie hatte eine Assistentin dabei, die fürs Licht zuständig war. Es dauerte nicht lange, so hatten wir herausgefunden, dass die Assistentin eine ehemalige Konfirmandin von mir war, die ich von fünf Jahren konfirmiert hatte. Jetzt hatte sie total schwarz gefärbtes Haar, so dass ich sie nicht gleich erkennen konnte.
Wir waren auch beim Fotografieren schneller als geplant. So galt es, eine halbe Stunde bis zum Beginn des Traugottesdienste zu überbrücken. Im Gemeindehaus, das nur wenige Minuten von der Kirche entfernt ist, verbrachten wir so die wohl längsten Minuten unseres Lebens. Die Zeit wollte einfach nicht verrinnen.
"Du musst nicht weinen, genieße es einfach, wenn du in die Kirche einziehst", das waren meine Worte an Cristin, bevor wir unter Orgelspiel mit unseren Blumenkindern Sabine und Johannes in die Kirche einzogen. Ein Blick zu Cristin zeigte mir, dass sie heftigst um Fassung rang. Nun war es auch um meine Fassung geschehen. Ich kämpfte, kämpfe mit den Tränen. Am liebsten hätte ich laut losgeheult.
Was der Pfarrer bei unserer Trauung gesagt hat
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen;
Wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Ruth 1,16
Liebe Cristin, lieber Werner,
liebe Trauzeugen und liebe Festgemeinde,
dass der Werner schon immer eigensinnig war, das wussten die Seinen. Und dass die Cristin schon immer eigensinnig war, das wussten die Ihren. Und darum ist es eigentlich gar nicht so verwunderlich, dass wir heute hier sitzen und miteinander eure Hochzeit feiern – etwas „Normales“ hätte zu keinem von euch beiden gepasst.
Und es tut gut, euch beiden gut, dass so viele gekommen sind um Euch zu begleiten bei diesem Schritt vor den Altar, der Sohn Holger mit Familie, die Geschwister, die Freundinnen und Freunde und die Gemeinde.
„Rügen trifft Augsburg“ – und Lüdenscheid ist auch stark vertreten. Herzlich willkommen hier in Fürth in St. Paul.
Wer von uns hätte letztes Jahr um diese Zeit geahnt, dass wir heute hier sein können. Ganz andere Zeiten waren zu bestehen.
Du Werner hast es selbst in deiner Predigt am vorletzten Sonntag gesagt. Du hast vom Weinen gesprochen, vom Weinen zum Jahrestag am Grab deiner Gisela, eurer Gisela, denn du, Cristin, kanntest Sie ja auch. Und Zeiten des Weinens, der Krisen, der Ohnmacht, der Wut, der Fragen und Zweifel kennt ihr beide ja nur zu gut.
Es war ein katastrophales Jahr, dieses Jahr 2008 mit Krankheiten und Abschied nehme. Und gleichzeitig ist dieses Jahr 2008 auch ein Beginn gewesen – ein neuer Anfang für euch beide. Nichts war geplant und nichts vorhersehbar und doch ist es geworden, hinter euch, neben euch, in euch gewachsen. Plötzlich spürt man, ja, man spürt wieder, wie es gut tut, dass der andere da ist, dass er sich um einen kümmert, beim Haushalten, beim Einkaufen oder bei den Hausaufgaben. Im anderen findet man Rahmen und Halt für das eigene Leben. Und es verändert sich hin zu einem mehr. … Es wird Liebe!
Und eigentlich könnten dann alle glücklich sein, aber hier fingen die Probleme erst an. Er sagt: „Ich bin zu alt. Du bist zu jung.“ Und sie sagt: „Hab ich das gesagt? Dass ich heirate, ist eher ein Wunder“
Und nun laufen die Telefone heiß. Die Familien, die Freunde werden befragt und gelöchert, Worte dafür und dagegen gesammelt, abgewogen und immer wieder das Gebet, das gemeinsame und das je eigene. „Zeit mit Gott“ und die „Stille“.
Und es wird klarer in jedem. Die kritischen Nach-Fragen des Pfarrers helfen klären. Leichtfertig ist da gar nichts. Vielleicht etwas überraschend – aber für wen? Für uns? Für Euch?
Zu schnell? Sagen manche, doch jeder von euch bringt seine Geschichte mit und das wäre auch in einem Jahr nicht anders gewesen. Und ihr wisst von der Geschichte des anderen und habt euch einander anvertraut. Aufmerksam und achtsam seid ihr – für den anderen. Und darüber wird der Weg sichtbarer und die Entscheidung klarer:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen;
wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Ruth 1,16
Lied: Gut, dass wir einander haben (Himmelstürmer)
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen;
wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Ein großes Wort. Ein altes Wort. Ein Wort Gottes, das schon oft über Ehen ausgesprochen wurde, weil es so tiefgründig vom Vertrauen spricht und die, die es gesprochen haben, haben es auch gehalten.
Wenn man genau hinsieht, ist dieses Wort sogar ein generationsübergreifendes Wort, denn ursprünglich ist es ja kein Ehewort, sondern das Wort einer Jüngeren „Ruth“ zu ihrer Schwiegermutter Naemi. In tiefem Vertrauen zum anderen – weil sie niemanden anderes mehr haben - kümmert sich die eine um die andere in großer Ergebenheit.
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen;
wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Und in der Verantwortung füreinander gehen sie zusammen ihren Weg.
Das, was hier zum Ausdruck kommt, ist die Grundlage jeder Ehe.
Dass man gemeinsam die Wege geht und das ist ja gleichzeitig auch immer die spannungsvollste Aufgabe in einer Ehe, dass man den gemeinsamen Weg findet. Bleiben wir doch auch in der Ehe zwei Menschen mit zwei Köpfen und zwei Herzen.
Doch es gibt einen gemeinsamen Weg – das zieht sich wie ein rotes Band durch das ganze Buch Ruth, in dem euer Ehewort steht – im Hintergrund läuft die Geschichte Gottes mit und zum Schluss liegt ein Segen darauf.
Gehen und Bleiben – das sind die beiden Bewegungsrichtungen und manchmal gibt der eine den Ton an und manchmal der andere. Und manchmal muss man bleiben, obwohl man noch gehen könnte – dem anderen zu Lieben. Und manchmal wird man gehen, obwohl man noch bleiben möchte – dem anderen zu Liebe. Das bleibt eine lebenslange Aufgabe – für mich und für den anderen.
Doch da ist noch ein anderes. Wie gut tut es, wenn man auch zur Familie des anderen sein Ja sagen kann. Denn meine Familie ist auch meine Geschichte und mit dem anderen gewinne ich eine neue Familie dazu. Ein großes Gut, dass gerade auch Du, liebe Cristin, als sehr kostbar empfindest. Und wenn man mit einem „Rummelsberger“ verheiratet ist, kommt ja die Brüdergemeinschaft auch noch dazu. Doch das schafft ihr und es hat euch beiden gut getan, wie herzlich ihr in der Familie des anderen aufgenommen wurdet.
Wie heißt es hier:
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Ja und da seid ihr euch ganz sicher, ohne diese Gewissheit „dein Gott ist mein Gott“ wären wir heute nicht hier. Im gemeinsamen geistlichen Leben habt ihr ein Band entdeckt, das euch unbezwingbar macht. Die Ehe vor Gott führen, heißt ja auch immer, sie von Gott mit bestimmen lassen – in der Stille den Mut zum Ersten Wort zurück finden, im Gebet die Kraft zum Verzeihen bekommen und aus Christi Liebe die Erneuerung für unsere Liebe zu schöpfen.
Und das wünschen wir euch, dir, lieber Werner und dir, liebe Cristin, von Herzen, dass ihr unter dem Segen Gottes glücklich werdet und immer wieder aus dem Glauben heraus einmütig sprechen könnt:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen;
wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Amen
25.08.2009
Pause - Das Leben geht weiter
Nachdem ich diese grundsätzliche Entscheidung für mich getroffen hatte, ging ich eines Abends mit Cristin in unserer Stadt spazieren. In einer Pizzeria, bei über-übergroßen Pizzas und fast überbelegten Tischen, nahm ich allen Mut zusammen und fragte Cristin, ob sie meine Frau werden wolle. Nachdem sie gerade den Mund voll Pizza hatte, deutete ich ihre Antwort einfach als "Ja" (so hat sie wenigstens dem Standesbeamten unser Kennenlernen geschildert). Ob sich das wirklich so ereignet hat, will ich dahingestellt sein lassen.
In drei Tagen ist es nun soweit, da läuten zwar immer noch nicht für uns die Glocken, aber wir werden auf dem Standesamt unseren Ehebund beschließen. Die Glocken läuten erst am drauffolgenden Tag in unserer (meiner) Kirche. Da wird uns Martin trauen.
Cristins Freude werden da sein, bis ganz oben von der See kommen sie angereist. Leider niemand aus ihrer Verwandtschaft. Bei ihnen ist es so, wie Jesus in einem Gleichnis erzählt, wo jeder Eingeladene eine glaubwürdige Ausrede hat. Cristin schmerzt das sehr - besonders aber, dass ihr Vater auf die Einladung überhaupt keine Reaktion gezeigt hat. "Ich bin für ihn gestorben", das ist ihr Eindruck.
Meine Geschwister und ihre Ehepartner werden da sein. Dazu meine Freunde von den Himmelsstürmern, die auch den Gottesdienst musikalisch ausgestalten. Mein Bruder Hartmut spielt die Orgel und Bruder Ernst-Johann Fagott.
Es ist wie kurz vor Weihnachten. Man kann es kaum erwarten. Wir freuen uns jedenfalls darauf, wenn wir endlich so richtig zusammengehören. Und wir freuen uns auch auf das Zusammensein mit vielen Menschen, die wir sehr lieben.
10.12.2008
Weihnachten 2008

Liebe Geschwister,
liebe Schwägerinnnen und Schwager,
liebe Freunde,
Dieses Weihnachten fällt es mir wahrlich schwer den obligatorischen Weihnachtsbrief zu schreiben. Eigentlich möchte ich lieber das Jahr 2008 ausfallen lassen, wenn das ginge. Es war für uns ein schlimmes Jahr und gerade jetzt um die Advents- und Weihnachtszeit schmerzen mich die Erinnerungen an dieses Jahr ganz besonders.
Die grüne Kerze brannte während der Zeit als Gisela im Koma lag. Sie stand an Giselas Platz, wenn ich einsam in der Küche am Tisch saß. Zeichen der Hoffnung sollte sie sein. So wie damals, als nach dem Krieg Frauen Kerzen in die Fenster gestellt hatten, als Zeichen der Hoffnung für ihre vermissten Männer und Söhne. Mich schmerzt es, dass ich jetzt, in der Zeit der Lichter, keine Kerze der Hoffnung für Gisela ins Fenster stellen kann. Sie wird nie wieder kommen. Dieses „nie wieder“ ist so grausam, dass ich es kaum ertragen kann. Was würde ich dafür geben, wenn ich auf eine Intensivstation gehen oder nach Kipfenberg fahren könnte um sie dort zu besuchen, ihre Stimme zu hören, gemeinsame Zeit mit ihr zu haben ... Hoffnung haben könnte, dass alles wieder gut wird.
Ich schreibe das unter Tränen, denn es wird nie wieder sein. Ich vermisse sie, ihr fröhliches Wesen, ihre klare Art, ihre scheinbare endlose Liebe zu mir und denen die sie geliebt hat. Trotzdem, die grüne Kerze der Hoffnung brennt. Sie brennt als Zeichen der Hoffnung, die aus meinem Glauben und dem Glauben der Christen ihre Nahrung hat, dass unsere Verstorbenen leben - nicht nur in unseren Fotos und Erinnerungen. Sie lebt, weil Jesus es den Seinen versprochen hat: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ Johannes 14,19. Wie oft habe ich dieses Wort in diesem Jahr an Gräbern ausgelegt und damit Menschen getröstet. Darum möchte ich es auch mir zum Trost sagen, was in dem sich nun neigenden Jahr Jahreslosung war: Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Gisela lebt! Sie lebt, so wie sie sich das gewünscht hat, beim Vater im Himmel und sie wartet dort auf mich, so wie sie mir das kurz vor ihrem Tod versprochen hat. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit ihr.
Wie gesagt: der Rückblick auf 2008 ist für mich voller Schmerzen und hat mich oft an meine eigenen Grenzen geführt. Wiederholt wurde ich vom Notarzt mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht, weil mein Herz wohl spürte wie es mir ging und nicht mehr im Takt bleiben wollte.
Doch es geht weiter, das Leben bleibt nicht stehen auch wenn wir trauern und vermissen und keinen Schritt weiter nach vorne sehen wollen als den heutigen, höchstens den morgigen Tag. Alle Zukunftspläne für den Ruhestand, den ich in drei Jahren erreicht haben will, sind geplatzt. Ich weiß nicht wie es weitergeht.
Dankbar bin ich für Holger, Elisabeth und die drei lieben Enkelkinder. Sie sind ein Geschenk, ein Ort wo ich hingehöre. Dankbar bin ich auch für Cristin, die mir in den schweren Stunden nahe war und nahe ist. Dankbar bin ich für meine Geschwister, die sich auch in den letzten Wochen immer wieder erkundigt haben und mir nahe waren. Dankbar bin ich für meine Kollegin Ute, die mit mir um Gisela geweint und sie beerdigt hat; und still meine Arbeit mitmachte, wenn ich nicht mehr konnte, weil es bei Gisela auf Messers Schneide stand oder Gisela mich brauchte um wieder Mut zum Leben zu finden, als es ihr so furchtbar schlecht ging. Leider sieht das Ende anders aus als wir uns das gewünscht und erhofft hatten - Gisela ist beim Vater im Himmel. Dort hat sie es gut, all ihre Krankheiten und Schmerzen sind geheilt.
An Weihnachten hat es begonnen mit dem Kind in der Krippe, was dann am Kreuz vollendet und vollbracht wurde und in den Sieg an Ostern gemündet ist. Das will ich auch in diesem Jahr feiern, wie alle Jahre zuvor.
Ich wünsche mir und euch ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein bewahrtes Neues Jahr 2009
Gott segne euch
Euer
Siwo
13.08.2008
Nachruf auf Gisela

Nachruf
Gisela war ein ganz besonderer Mensch, trotz ihrer oder vielleicht auch gerade wegen ihrer schweren Sehbehinderung. Ihre Fröhlichkeit und immer anderen Menschen zugetan sein, war ein ganz besonderer Wesenszug von ihr. Sie war ein warmherziger Mensch mit einem großen, gläubigen Herzen, das lieben konnte wie kein zweiter.
Dabei hatte sie kein leichtes Leben. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf, die sie sehr geliebt hatte. Nach deren Tod kam sie in die Blindenschule in Nürnberg, lebte dort im Internat. Hier kümmerte sich besonders der Bruder Gebhard um sie, der vor wenigen Wochen in die Ewigkeit abgerufen wurde. Wichtig war für sie und ihre Entwicklung eine Rotkreuzschwester, die in der Blindenschule als Erzieherin gearbeitet hatte: Schwester Herta. Zu ihr hielt das ganz persönliche, fast mütterliche Verhältnis, über viele Jahre bis zu deren Tod. Nach Abschluss der Schule und der Telefonistenausbildung kam sie als Telefonistin nach Rummelsberg. Dort lernten wir uns kennen und lieben. Nach fünf Jahren heirateten wir, kurz vor Weihnachten 1972. Unser gemeinsames Kind wurde ein Jahr später geboren: Holger. Ein wunderbares Kind, von ihr geprägt und mit unglaublicher Liebe aufgezogen.
Sie hat in ihrem Leben viel Krankheitsnot erdulden und ertragen müssen, schwere Operationen, Asthma. Anfang des Jahres musste sie eine besondes schwere Herzoperation über sich ergehen lassen. Ursprünglich sollte eine Herzklappe erneuert werden, während der Operation wurde ein angeborener Herzfehler entdeckt und so dauerte die Operation viele, viele Stunden mehr als ursprünglich geplant. Nach der Operation lag Gisela sechs Wochen im Koma. Während dieser Zeit war sie mehr als einmal dem Tode näher als dem Leben. Aber Gott hat Wunder über Wunder geschehen lassen. Anschließend kam sie in eine Rehaklinik nach Kipfenberg, wo sie ein viertel Jahr war und alles wieder lernen musste: Schlucken, Sitzen, Gehen. Sie war so ausgezehrt, dass sie nur noch 38 kg wog.
Optimistisch und voller Freude am neu gewonnenen Leben kam sie Anfang Juni nach Hause. Stück für Stück eroberte sie sich das Leben zurück. Sie war noch empfindsamer geworden und in ihrer Zerbrechlichkeit noch bezaubernder als je zuvor.
Fünf Wochen waren uns nochmals vergönnt. Eine intensive und liebevolle Zeit. Am vergangenen Sonntag (10.8.) musste sie eine erneute Herzoperation über sich ergehen lassen um ihr Leben zu retten. Sie wusste aber, dass sie das nicht mehr überleben wird. Am Abend vor ihrem Tod nahmen wir auf der Intensivstation von einander Abschied. Sie stutze plötzlich im Gespräch und sagte dann zu mir: “Jesus hat mich gerade gefragt, ob ich nicht zu ihm will - doch, doch, doch! hab ich ihm gesagt.”
Gisela hatte einen riesengroßen Bekannten- und Freundeskreis. Wer bei ihr sein Herz ausgeschüttet hat, das kann ich nur ahnen, es blieb bei ihr verschlossen. Sie nahm sich für jeden Zeit und hat viele Menschen aufgerichtet und getröstet und - das war ihr ganz besonders wichtig - in ihr persönliches Gebet genommen.
Ihr Leben war von einer unglaublichen Klarheit durchzogen. Da gab es kein Hintenrum, kein falsches Spiel, kein übles Nachreden. Oftmals aber ein weises Schweigen. Mit großer Beharrlichkeit verfolgte sie ihre Ziele, von denen das wichtigste war: Am Ende des Lebens bei Gott zu sein.
Eines ihrer Lieblingslieder stammt aus der CD Entdeckungen, Lieder von Peter Strauch, mit Heike Barth und dem ERF Studiochor. Dort heißt es im Refrain des Liedes:
Wir werden sein wie Träumende,
die noch nicht fassen, was sie sehn.
Wir werden lachen und glücklich sein,
wenn wir vor Jesus stehn.
Das hat sie als Ziel ihres Lebens ersehnt. Sie darf es jetzt schauen.
31.07.2008
Radio F - Zeit ist kostbar
Zeit ist kostbar. Wenn wir diese Worte hören, dann fällt uns ein, dass möglichst vieles in kürzester Zeit erledigt werden muss. Arbeitszeit ist kostbar und teuer. Aber auch im privaten Bereich geht es uns nicht viel besser. Zu nichts haben wir richtig Zeit. Es wächst uns über den Kopf, nach der Arbeit noch der Haushalt, die Kinder, jeder will was anderes von uns. Ja, Zeit ist kostbar, sie ist knapp geworden.
Als meine älteste Enkelin noch ganz klein war, setzte ich mich oft hin und sah ihr stundenlang zu. Das kleine Kind, wie es sich mit sich selbst beschäftige und ganz zufrieden in seinem Bettchen lag. Das war für mich kostbare Zeit. Noch viel kostbarer waren die drei Stunden jeden Tag, in denen ich meine Frau auf der Intensivstation besuchen durfte. Am Bett sitzen, die Hand halten, bangen und hoffen auf den Tag, an dem sie aus dem Koma aufwachen kann. Mir wurde bewusst, wie kostbar die Zeit ist, die wir mit unseren Lieben verbringen dürfen und wie achtlos wir oft mit dieser geschenkten Zeit umgehen.
„Was hätte ich dir noch alles sagen wollen“, brach es vor kurzem aus einer 18-jährigen heraus, als sie am Totenbett ihres überraschend verstorbenen Vaters stand. Ja, was versäumen wir uns zu sagen? Das gute Wort, dass wir uns lieben und für einander wichtig sind. Die roten Rosen auf dem Sarg können vielleicht unser schlechtes Gewissen beruhigen aber sie bringen die kostbare Zeit mit dem geliebten Menschen nicht mehr zurück.
Radio F - Krankheit
Manchmal bricht sie von einer Minute auf die andere über uns herein: Eine schwere Krankheit. Wir haben geahnt, dass etwas in uns nicht in Ordnung ist. Wir haben es von uns weggeschoben, verdrängt. Dann doch der Weg zum Arzt, der Verdacht, die Diagnose.
Wohin mit unserer Furcht vor all den Untersuchungen? Wer wird mir beistehen, meine Ängste verstehen, aushalten und mit mir ertragen? Wer wird mich halten, wenn ich selbst jede Sicherheit in mir verloren habe? Wo soll ich hin mit meiner Angst, mit meinen Tränen und der Trauer darüber, dass ich nicht weiß ob ich jemals wieder gesund werde? Schreien möchte ich, es laut hinausschreien, meine Angst, das Gefühle des Verlorensein, meine Verlassenheit. Ich fühle, dass mein Leben nie mehr so sein wird, wie es war. Ich kann nicht darüber sprechen, ohne den Klos im Hals zu spüren und die Tränen, die mich gleich übermannen werden.
Wie kann ich lernen, das Unvermeidbare für mich anzunehmen? Gibt es einen Sinn für das was ich jetzt durchmache? Ich fühle mich unendlich zerrissen und zerfallen in meiner Seele. Wie kann ich mich selbst wieder finden? Kann mir mein Glaube helfen, mein Glaube an den Gott, der mich gewollt hat und der mich liebt? Wird er mich Durchtragen, wenn ich an die Grenzen meines Lebens und dessen was ich ertragen kann stoßen werde? Ich möchte mich daran festhalten, dass Jesus zu mir sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir!
Radio F - Hören
Was machen wir, wenn wir bemerken,, dass unser Gehör langsam aber beständig nachlässt? Zum Arzt gehen? Hörgeräte tragen? Ach was, das geht schon noch, denken wir und fangen an zu verstecken, dass wir nicht alles verstanden haben. Immer schön lächeln und mit dem Kopf nicken, wenn uns jemand anspricht, dann merkt es der andere nicht.
Bei meinen Besuchen im Altenheim oder in der Gemeinde beobachte ich immer wieder, dass es einen Lieblingsplatz für Hörgeräte gibt: Die Nachttischschublade. Eigentlich gehören die kleinen Wunderdinger in die Ohren, aber dort liegen sie gut und man spart außerdem die teuren Batterien
Leider werden die Folgen oft nicht so recht bedacht. Durch schlechtes Hören, werde ich immer isolierter. Ich kann immer weniger Anteil daran nehmen, was um mich herum vorgeht.
Immer öfter fühle ich mich unverstanden, weil andere nicht verstehen was ich meine. Sie denken, dass ich wahrscheinlich meinen Verstand verloren habe. So dumm erscheinen meine Antworten und so gar nicht bei der Sache meine Fragen. Dabei funktioniert mein Verstand, nur die Ohren nicht.
Mein Rat: Verstecken Sie ihre Schwerhörigkeit nicht. Sagen sie: „Ich höre nicht gut. Bitte sprechen Sie langsam und deutlich mit mir und schreien sie mich bitte nicht an!“ Nehmen sie mit Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen Kontakt auf. Zum Beispiel mit der Schwerhörigenseelsorge. Dort werden sie erfahren, wie sie kompetent und selbstbewußt mit ihrer Hörbehinderung umgehen können.